Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Guter Tango-Unterricht

Im Fol­gen­den geht es aus­schieß­lich um argen­ti­ni­schen Tan­go und NICHT um Stan­dard-/Tanz­schul-Tan­go. Aus Grün­den bes­se­rer Les­bar­keit ver­wen­de ich das gene­ri­sche Mas­ku­li­num. Des wei­te­ren spre­che ich ganz alt­mo­disch von „Mann“ und „Frau“ und nicht von „Führende/r“ und „Folgende/r“ und, ja doch, mir ist bewusst, dass auch Frau­en füh­ren kön­nen. Und schließ­lich geht es um „Schü­ler“ und „Leh­rer“ und nicht um (kramp­fi­ge) „Ler­nen­de“ und „Leh­ren­de“.

Es gibt ziem­lich viel (größ­ten­teils berech­tig­te) Kri­tik am Tan­go-Unter­richt in Deutsch­land. Häu­fig heißt es, er sei inef­fi­zi­ent, frus­trie­rend, die Abbruch­ra­ten (vor allem bei den Män­nern) sei­en sehr hoch. Dem­ge­gen­über gibt es nur weni­ge „posi­ti­ve“ Beschrei­bun­gen / Dar­stel­lun­gen. In Anleh­nung an Hil­bert Mey­ers Stan­dard­werk Was ist guter Unter­richt? möch­te ich im Fol­gen­den beschrei­ben, wie guter Tan­go-Unter­richt mei­ner Mei­nung nach aus­se­hen sollte. 

Es soll um regel­mä­ßi­gen Kurs-Unter­richt gehen, bis auf den Punkt „Wie­der­ho­len“ gilt alles aber auch für Work­shops, Wochen­end-Semi­na­re etc. Ich kon­zen­trie­re mich in ers­ter Linie auf didak­tisch-metho­di­sche Aspek­te und ver­nach­läs­si­ge die zahl­rei­chen ande­ren Aspek­te, die für guten Unter­richt wich­tig sind, wie z.B. Auf­tre­ten, Aus­strah­lung, tän­ze­ri­sches Kön­nen, päd­ago­gi­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen, Umgangs­ton, und Eig­nung des Raumes. 

Bewe­gungs- bzw. tanz­di­dak­ti­sche Prin­zi­pi­en wer­de ich aus Platz­grün­den NICHT näher erläu­tern, die wer­den in der ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur aus­führ­lich erläu­tert. Für jeden, der sich auch nur ein biss­chen damit beschäf­tigt hat, ist das Meis­te eh banal (z.B. das Zer­le­gen von kom­ple­xen Bewe­gun­gen in Teil­be­we­gun­gen, die spä­ter wie­der mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den). Bekannt­lich ist „Tan­go-Leh­re­rIn“ kei­ne geschütz­te Bezei­chung, ent­spre­chend kann jeder Tan­go unter­rich­ten. Bei vie­len Tan­go-Leh­rern hat man des­halb den Ein­druck, dass sie die ele­men­tars­ten Grund­sät­ze moto­ri­schen Ler­nens nicht ken­nen bzw. (bewusst?) ignorieren. 

Grund­la­ge des fol­gen­den Bei­trags ist einer­seits mei­ne über 35-jäh­ri­ge Erfah­rung als Sport- und Tanz­leh­rer und ande­rer­seits eine mehr­jäh­ri­ge Odys­see durch die meis­ten bekann­ten Münch­ner Tan­go-Stu­di­os. Was ich dort an schlech­tem Unter­richt erlebt habe, hat mich teil­wei­se sprach­los gemacht. Trotz­dem erhebt mein Bei­trag NICHT den Anspruch, reprä­sen­ta­tiv den Unter­richt in Mün­chen (geschwei­ge denn in Deutsch­land) abzu­bil­den. Aller­dings den­ke ich, dass die ange­spro­che­nen Defi­zi­te schon typisch sind.

Im Fol­gen­den beschrei­be ich den Ver­lauf einer typi­schen ANFÄNGER Stun­de (für Fort­ge­schrit­te­nen-Unter­richt gel­ten z.T. ande­re Regeln), dabei gehe ich von 90 Minu­ten aus. Für eine 60 Minu­ten Stun­de gilt sinn­ge­mäß das Sel­be, nur sind die ein­zel­nen Pha­sen ent­spre­chend kür­zer bzw. müs­sen ggf. ganz ent­fal­len. Der Ein­fach­heit hal­ber spre­che ich im Fol­gen­den nur von „Figu­ren“, auch wenn es sich „nur“ um Schrit­te bzw. Schritt­fol­gen handelt.

Tan­go-Anfän­ger­un­ter­richt soll­te mei­ner Mei­nung nach das Ziel haben, die Teil­neh­mer mög­lichst schnell „Milon­ga-taug­lich“ zu machen. Die Schü­ler soll­ten also NICHT erst mal ein hal­bes Jahr (oder noch län­ger) mehr oder weni­ger nur im Kreis rum­lat­schen, um kor­rek­tes Gehen zu ler­nen. Statt­des­sen soll­ten die Män­ner (neben dem Gehen) in mög­lichst kur­zer Zeit ein klei­nes Reper­toire an Grund­schrit­ten bzw. – figu­ren mit dazu­ge­hö­ri­gen Varia­tio­nen so weit auto­ma­ti­siert haben, dass sie sie auch „unter Stress“ sicher tan­zen und füh­ren kön­nen. Die Frau­en soll­ten die wich­tigs­ten Grund­tech­ni­ken des Ste­hens, Gehens und Dre­hens sicher beherr­schen, um mög­lichst stress­frei auf einer Milon­ga „über­le­ben“ zu kön­nen und (hof­fent­lich) Spaß zu haben.

Dabei soll­ten m.E. „dyna­mi­sche“ Schrit­te / Schritt­fol­gen ein­deu­tig Vor­rang vor „sta­ti­schen“ Figu­ren am Ort haben. Vie­le Paa­re kom­men z.B. bei einem flot­ten Vals oder einer fet­zi­gen Milon­ga ein­fach nicht „in die Gän­ge“, weil sie stän­dig abstop­pen um an der Stel­le irgend­wel­che Figu­ren zu drech­seln. Wenn man die meis­ten Paa­re ein paar Tan­das lang fil­men wür­de und sich die­se Auf­nah­me anschlie­ßend ohne Musik anschau­en wür­de, könn­te man meis­tens nicht sagen, was sie da jetzt eigent­lich tan­zen. Schnel­ler Vals? Sen­ti­men­ta­ler Tan­go? Lebens­lus­ti­ge Milon­ga? Alles schaut gleich aus und alles wird mit dem glei­chen (meist lät­scher­ten) Tem­po getanzt. 

„Ankom­men“ & „Auf­wär­men“

In den ers­ten ca. 15–20 Minu­ten soll­ten die Teil­neh­mer Gele­gen­heit bekom­men vom All­tag „abzu­schal­ten“ und sich phy­sisch und men­tal auf den fol­gen­den Unter­richt ein­zu­stim­men. Bewährt haben sich (ein­fa­che) Übun­gen zu Beweg­lich­keit, Gleich­ge­wicht, Koor­di­na­ti­on, Tech­nik (Ste­hen, Gehen, Dre­hen, Ober­kör­per-Dis­so­zia­ti­on, Och­os), Kör­per­wahr­neh­mung, Sen­si­bi­li­tät für den Part­ner, Musikalität/„Hören“ usw. 

Bereits in die­ser Pha­se soll­te man immer mal wie­der die Schrit­te des/der Ande­ren tan­zen. Män­ner soll­ten also z.B. auch mal rück­wärts gehen und Frau­en mal vor­wärts. Män­ner soll­ten auch mal Och­os üben und Frau­en ein vor­wärts getanz­tes Kreuz. Ele­men­ta­re Bewe­gun­gen wie Kreuz, Moli­net­te etc. soll­ten grund­sätz­lich auf BEIDEN SEITEN geübt wer­den, auch wenn sie (wie z.B. beim Kreuz) im Paar zunächst ein­mal nur auf der „offe­nen“ Sei­te getanzt wer­den. Außer­dem soll­te immer mal wie­der (bei ein­fa­chen Bewe­gungs­auf­ga­ben) ein ROLLENWECHSEL stattfinden. 

Die­ser Rol­len­tausch hat meh­re­re Vor­tei­le. Grund­sätz­lich ist es immer von Vor­teil mög­lichst vie­le ver­schie­de­ne Schrit­te tan­zen zu kön­nen. Zum zwei­ten kann Rol­len­tausch Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­ständ­nis inner­halb des Paa­res ver­bes­sern. Der Mann erfährt/erspürt „am eige­nen Leibe„wie schwie­rig bzw. unmög­lich es ist, auf unkla­re Füh­rungs­im­pul­se zu reagie­ren. Dies kann ihm im bes­ten Fall hel­fen sei­ne eige­ne Füh­rung zu ver­bes­sern. Die Frau erfährt/erspürt „am eige­nen Lei­be“ wie ver­dammt schwie­rig es ist, Füh­rungs­im­pul­se zu geben, wäh­rend man sel­ber zum Bei­spiel noch mit der eige­nen Ach­se, der Hal­tung und/oder mit den eige­nen Schrit­ten kämpft. Die­se Erfah­rung führt häu­fig dazu, dass sich die Frau­en mit (der aus ihrer Sicht durch­aus berech­tig­ten) Kri­tik am Unver­mö­gen des Man­nes stär­ker zurück­hal­ten bzw. ein kon­struk­ti­ve­res Feed­back geben kön­nen („Ver­such mal den Ober­kör­per stär­ker zu dre­hen“ an Stel­le von „Ich weiß über­haupt nicht was ich machen soll.“). Drit­tens kön­nen die­se frü­hen Erfah­run­gen Frau­en ermu­ti­gen von Anfang auch das Füh­ren zu ler­nen und sich damit tän­ze­risch zu eman­zi­pie­ren. Beim häu­fi­gen Frau­en­über­schuss muss frau dann nicht mehr untä­tig sit­zend lei­den bis sie end­lich mal auf­ge­for­dert wird, son­dern kann sel­ber die Initia­ti­ve ergrei­fen und auch ohne Män­ner Spaß haben.

Zum Abschluss die­ser Pha­se tan­zen wir uns noch zwei bis drei Tän­ze lang ein.

Wie­der­ho­len

„Repe­ti­tio est mater stu­dio­rum“ („Wie­der­ho­lung ist die Mut­ter der Stu­di­en.“) wuss­ten schon die alten Römer. Ich wür­de den Spruch abwan­deln zu „Repe­ti­tio est mater tan­gi“. Und obwohl jeder, der sich auch nur ansatz­wei­se mit moto­ri­schem Ler­nen beschäf­tigt hat, weiß, wie wich­tig stän­di­ge Wie­der­ho­lung und Trai­ning der immer glei­chen Bewe­gun­gen ist, fin­det sys­te­ma­ti­sche Wie­der­ho­lung nach mei­ner Erfah­run­gen im deut­schen Tan­go-Unter­richt so gut wie über­haupt nicht statt. Die­ser Man­gel an bzw. das meis­tens völ­li­ge Feh­len sys­te­ma­ti­scher Wie­der­ho­lung ist m.E. einer der Haupt­grün­de für die häu­fig beklag­te Inef­fek­ti­vi­tät des Unter­richts und für die Tat­sa­che, dass vor allem Män­ner sehr häu­fig früh­zei­tig frus­triert auf­ge­ben und den Unter­richt abbre­chen, weil sie (zu Recht) das Gefühl haben, dass sie auf die­se Art auf Dau­er nichts lernen.

Das stän­di­ge „Jede Stun­de was Neu­es“ über­for­dert und frus­triert vor allem die Män­ner. Es wäre ja noch nicht so schlimm, wenn die neue Figur the­ma­tisch in einem erkenn­ba­ren Zusam­men­hang zur Figur der letz­ten Stun­de stün­de; also wenn das über­ge­ord­ne­te The­ma z.B. Bar­ri­das wären und nach der Grund­form in der letz­ten Stun­de in der neu­en Stun­de eine ein­fa­che Varia­ti­on käme. Aber selbst das ist ja nur höchst sel­ten der Fall. Nach mei­ner Erfah­rung kommt (ohne erkenn­ba­res Sys­tem) ein­fach irgend­ei­ne neue Figur, die nichts mit der letz­ten Stun­de zu tun hat. 

Die häu­figs­te Begrün­dung für die­sen didak­ti­schen Schwach­sinn, die ich von Tan­go-Leh­rern gehört habe, ist, dass auf die­se Art der Ein­druck erweckt wer­den soll, dass man jeder­zeit in den Unter­richt „ein­stei­gen“ kön­nen soll („drop-in class“), ohne befürch­ten zu müs­sen, schon zu viel „ver­säumt“ zu haben. Die­ser „nie­der­schwel­li­ge“ Ein­stieg soll sug­ge­rie­ren, dass Tan­go tan­zen „nicht so schwer“ sei und dass man sich zu nichts wirk­lich „ver­pflich­ten“ muss. 

Die­ser Ansatz ist öko­no­mi­scher Hin­sicht nach­voll­zieh­bar, er ist aber trotz­dem falsch. Tan­go lernt man nicht so „neben­bei“, er ist vor allem für Men­schen, die kei­ner­lei tän­ze­ri­sche Vor­er­fah­rung haben (also die meis­ten Män­ner) schwie­rig. Ohne regel­mä­ßi­ges Üben und Wie­der­ho­len geht es nicht, aber das ist im Chor und im Fuß­ball­ver­ein das Gleiche. 

Bevor wir also irgend­was Neu­es ler­nen, wie­der­ho­len und fes­ti­gen wir die Inhal­te der letz­ten Stun­de. Zunächst ein­mal sol­len die Paar (ggf. nach einer Mini-Wie­der­ho­lung) nor­mal tan­zen und schau­en, was sie von der letz­ten Stun­de noch zusam­men­krie­gen. Wäh­rend­des­sen soll­te der Leh­rer die Schü­ler beob­ach­ten, um zu sehen wor­an es hakt (mit etwas Erfah­rung weiß man meis­tens eh schon, war­um etwas nicht klappt). Danach soll­ten die Figur(en) der letz­ten Stun­de, zusam­men mit den zwei bis drei wich­tigs­ten Feh­lern noch­mal expli­zit wie­der­holt und demons­triert wer­den. Danach üben alle noch­mal und arbei­ten an ihren indi­vi­du­el­len Schwächen/Fehlern.

„Krea­ti­vi­tät“ und „Impro­vi­sa­ti­on“

Bei­de Begrif­fe ste­hen in Anfüh­rungs­zei­chen, weil sie m.E. für die aller­meis­ten Hob­by­tän­zer viel zu hoch­ge­sto­chen sind. Zwar ist es ein alter Mythos und gutes Mar­ke­ting­ar­gu­ment, dass Tan­go „krea­tiv“ sei und man(n) stän­dig „impro­vi­sie­ren“ wür­de, aber ein Blick auf eine belie­bi­ge Tanz­flä­che zeigt schnell, wie über­zo­gen die­se Behaup­tung ist. Das Schritt- bzw. Figu­ren­re­per­toire der aller­meis­ten Paa­re lässt sich an zwei Hän­den abzäh­len, je kon­ser­va­ti­ver getanzt wird, des­to redu­zier­ter und vor­her­seh­ba­rer wird getanzt, von Krea­ti­vi­tät ist vor allem bei den „Neo-Vik­to­ria­nern“ kaum mehr etwas zu sehen. 

Der Zwang „krea­tiv“ zu sein, setzt vor allem die Män­ner unter Druck, denn sie ler­nen ja nicht, was das genau bedeu­tet und wie man „krea­tiv“ tanzt. Statt­des­sen zeigt der Maes­tro immer mal wie­der, was er alles drauf hat und die Schü­ler sind gebüh­rend beein­druckt, gelernt haben sie dadurch aber über­haupt nichts. Statt „Krea­ti­vi­tät“ und „Impro­vi­sa­ti­on“ fin­de ich die Begrif­fe „Abwechs­lung“ und „Varia­bi­li­tät“ rea­lis­ti­scher und hilf­rei­cher. Bei­de Begrif­fe klin­gen weni­ger ein­schüch­ternd und man asso­zi­iert damit etwas, was man LERNEN und ÜBEN kann.

Vor­aus­set­zung dafür ist aller­dings, län­ge­re Zeit an EINEM bestimm­ten The­ma zu arbei­ten. So ein the­ma­ti­scher Block dau­ert je nach Kom­ple­xi­tät 4–6 Stun­den bzw. Wochen. Neh­men wir das belieb­te Sand­wich: Als ers­tes ler­nen wir die Grund­form, danach kön­nen Ver­zie­run­gen der Frau dazu­kom­men. Danach ein ande­rer Ein­gang bzw. ande­re Aus­gän­ge und unter­schied­li­che Tem­pi bzw. Dyna­mik. Danach kom­bi­nie­ren wir das Sand­wich mit bereits gelern­ten Figu­ren (die wir vor­her wie­der­holt haben) usw. Auf die­se Art gewin­nen vor allem die Män­ner nach rela­tiv kur­zer Zeit Sicher­heit und Selbst­ver­trau­en, weil sie (wenn auch auf zunächst beschei­de­nem Niveau) nach rela­tiv kur­zer Zeit ver­schie­de­ne Ele­men­te vari­ie­ren und neu zusam­men­set­zen können. 

Beson­ders bei den Varia­tio­nen ist das päd­ago­gisch-didak­ti­sche Geschick des Leh­rers z.B. in Form von Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung gefragt. Es hat kei­nen Sinn Varia­tio­nen tanzen/lernen zu wol­len, wenn die Grund­form noch nicht sicher klappt. Jedes neue The­ma wird wie­der­um mit dem letz­ten The­ma ver­bun­den und kom­bi­niert. Im Lauf der Zeit ent­steht auf die­se Art ein dich­tes „Netz“ an ver­schie­den Bewe­gungs­mo­du­len, die mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den können.

Demons­tra­ti­on der neu­en Figur

Die neue Figur soll­te natür­lich erst­mal demons­triert und KURZ erläu­tert wer­den. Das klingt ein­leuch­tend, die Unter­richts­pra­xis sieht aber lei­der oft ganz anders aus. Eine belieb­te Metho­de ist, das Neue zu demons­trie­ren, aber NICHTS zu erklä­ren, son­dern die Schü­ler erst­mal sel­ber rum­wursch­teln zu las­sen. Erst nach eini­ger Zeit kom­men dann gnä­di­ger­wei­se die ers­ten Erläu­te­run­gen und Tipps. Zur Erin­ne­rung, es geht hier um Anfän­ger-Unter­richt. Auf höhe­rem Niveau mag es durch­aus ab und zu sinn­voll sein, „Abschau­en“ zu trai­nie­ren, aber es braucht schon gro­ße Bewe­gungs­er­fah­rung und ein geüb­tes Auge um Bewe­gun­gen ohne Erklä­rung nach­ma­chen zu kön­nen. Im Anfän­ger­un­ter­richt hat die­se (oft euphe­mis­tisch „induk­tiv“ genann­te) Metho­de, mit Aus­nah­me von ganz ein­fa­chen Bewe­gun­gen, nichts zu suchen. Wie kaum etwas ande­res hat mich die­ses frus­trie­ren­de Rum­pro­bie­ren genervt und zum Wech­sel des Stu­di­os
moti­viert. Aus psy­cho­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve wird natür­lich schnell klar, war­um die­se Metho­de bei Leh­rern so beliebt ist. Nir­gends sonst wird das Kön­nens- und damit Abhän­gig­keits- und Macht­ge­fäl­le zwi­schen Leh­rer und Schü­ler so deut­lich wie hier. Der Schü­ler muss immer wie­der erken­nen, wie unfä­hig er ist, wie hilf­los er rum­mu­rkst und wie abhän­gig er vom Leh­rer ist.

Ein zwei­ter häu­fi­ger didak­ti­scher Feh­ler ist, am Anfang nicht die gan­ze Figur zu zei­gen, son­dern ledig­lich eine Teil­be­we­gung. Als Begrün­dung für die­se Metho­de wird meis­tens ange­führt, dass vie­le Leu­te nicht mehr bereit wären, vor­be­rei­ten­de Übun­gen mit­zu­ma­chen, son­dern nur noch die „Ziel­be­we­gung“ machen woll­ten. Die­ser Ein­wand ist berech­tigt, nur darf er nicht zu einem schlech­ten metho­di­schen Weg füh­ren. Für effek­ti­ves und „intel­li­gen­tes“ (Mey­er) moto­ri­sches Ler­nen muss der Schü­ler ein prä­zi­se men­ta­le Vor­stel­lung davon haben, was am Ende „raus­kom­men“ soll. Ohne die­se Vor­stel­lung erge­ben auch die bes­ten Vor­übun­gen kei­nen Sinn und Spaß („Wozu sol­len wir das jetzt üben?“). Wenn man nicht weiß, war­um man jetzt x‑mal eine bestimm­te Bewe­gung üben soll, kön­nen sich im Gehirn nicht die ent­spre­chen­den Ver­knüp­fun­gen bil­den. Wenn erwach­se­ne Men­schen kei­ne Ver­ant­wor­tung für das eige­ne Ler­nen über­neh­men wol­len und den metho­di­schen Weg des Leh­rers par­tout igno­rie­ren, kann man ihnen nicht helfen.

Der drit­te, ver­brei­te­te Feh­ler ist, dass vie­le Leh­rer statt einer kur­zen Erklä­rung end­los her­um­la­bern und die Schü­ler mit viel zu vie­len Infor­ma­tio­nen über­for­dern. Sie ver­lie­ren sich in irgend­wel­chen Fein­hei­ten (die eh nur fort­ge­schrit­te­ne Tän­zer umset­zen kön­nen) und beschrei­ben mög­li­che Feh­ler, die an die­ser Stel­le kei­nen Men­schen inter­es­sie­ren. Gera­de bei der ers­ten Prä­sen­ta­ti­on einer neu­en Figur ist „weni­ger (Gere­de) fast immer mehr“. Der Leh­rer soll­te sich auf die maxi­mal DREI wich­tigs­ten Bewe­gungs­merk­ma­le beschrän­ken, alles ande­re kann spä­ter kom­men, wenn die ers­ten Bewe­gungs­er­fah­run­gen gesam­melt wur­den und man neue Infor­ma­tio­nen „ver­ar­bei­ten“ und in Bewe­gung umset­zen kann.

Prä­zi­se Namen

Wün­schens­wert wäre, dass alle Schritte/Figuren prä­zi­se benannt wer­den. Nach mei­ner Erfah­rung wird das so gut wie nie gemacht. Erst als ich mir die ers­ten Vide­os von Homer und Cris­ti­na ange­schaut habe, stell­te ich mit Erstau­en fest, dass (natür­lich) fast alles was man im Tan­go macht, einen NAMEN hat. Selbst auf expli­zi­te Nach­fra­ge konn­ten bzw. woll­ten mir mei­ne Leh­rer meis­tens nicht sagen, wie das jetzt heißt, was wir da gera­de machen.

Prä­zi­se Namen kön­nen die Kom­mu­ni­ka­ti­on inner­halb des Paa­res und zwi­schen Schü­ler und Leh­rer erheb­lich erleich­tern (und, ja doch, vie­len Leu­ten sind Namen wurscht, sie hören nicht zu und erin­nern sich auch nicht an sie). Ohne Namen ergibt sich meis­tens etwas in der Art von „Könn­ten wir noch­mal die Figur wie­der­ho­len, wo die Frau so rechts von mir steht, sich erst von mir weg und dann zu mir hin­dreht und dann auf mei­ne lin­ke Sei­te geht?“ Kein Wun­der, wenn weder die Part­ne­rin noch der Leh­rer wis­sen, was hier gemeint ist. Die Kennt­nis der jewei­li­gen Namen befä­higt den eif­ri­gen Schü­ler dar­über­hin­aus z.B. bei You­Tube nach ent­spre­chen­den Lehr-/Lern-Vide­os zu suchen (sehr gut z.B. die How­cast Rei­he „How to Do the Argen­ti­ne Tan­go“) und sich wei­te­re Tipps bzw. Übun­gen zu holen. Zyni­ker wer­den jetzt ein­wen­den, dass genau die­ses eigen­ver­ant­wort­li­che / auto­no­me Ler­nen ver­hin­dert wer­den soll, schließ­lich will man zah­lungs­wil­li­ge Schü­ler ja so lan­ge wie mög­lich an sich binden.

Üben der neu­en Figur

Anschlie­ßend soll­ten Män­ner und Frau­en im Nor­mal­fall erst­mal GETRENNT wer­den. Nichts über­for­dert und frus­triert Män­ner mehr, als eine neue Figur gleich im Paar tan­zen und füh­ren zu müs­sen. Erst­mal müs­sen sie ihren eige­nen Schrit­te gelernt, aus­rei­chend geübt und auto­ma­ti­siert (!) haben, bevor sie über­haupt einen Gedan­ken an die Füh­rung ver­lie­ren kön­nen. Und auch Frau­en kön­nen erst dann Füh­rungs­im­pul­se wahr­neh­men und umset­zen, wenn sie ihre Auf­merk­sam­keit nicht mehr aus­schließ­lich auf ihre Füße bzw. Schrit­te len­ken müssen. 

Und den­noch schaut eine Groß­teil der Tan­go­stun­den so aus, dass der groß­ar­ti­ge Leh­rer irgend­was per­fekt vor­tanzt, danach ewig lang rum­quas­selt und anschlie­ßend sol­len es alle „nacht­an­zen“. Auf mei­ne Fra­ge, was das für ein komi­sches didak­ti­sches Kon­zept sei, hieß es meis­tens, so habe man das sel­ber in Bue­nos Aires auch gelernt, man unter­rich­te also „authen­tisch“. Für mich ist das der klas­si­sche BABS (bull­shit). Nur weil man (angeb­lich) in BA mie­sen Unter­richt gehabt hat (nur weil jemand sel­ber gut tanzt, kann er/sie noch lan­ge nicht gut unter­rich­ten), ist das kein Grund, hier in Deutsch­land für teu­res Geld genau­so mies zu „unter­rich­ten“.

Wäh­rend die Män­ner erst­mal mit ihren eige­nen Schrit­ten und danach mit der Füh­rung kämp­fen, soll­ten die Frau­en in die­ser Zeit vor allem an ihren Grund­tech­ni­ken (Balance/Achse, Gehen, Och­os, Moli­net­te, spä­ter dann ggf. Bole­os, Gan­chos etc.) üben. Auch wenn noch kei­ne Musik spielt soll­te von Anfang an mit Hil­fe rhyth­mi­sier­ter Spra­che „musi­ka­lisch“ geübt und spä­ter getanzt wer­den, d.h. es soll­te zum Bei­spiel akus­tisch zwi­schen „lan­gen“ und „kur­zen“ Schrit­ten unter­schie­den wer­den. Nur „tro­cken“ kann man das Tem­po vari­ie­ren, also erst mal ganz laaang­sam begin­nen und dann all­mäh­lich schnel­ler wer­den (natür­lich könn­te man auch die Musik lang­sa­mer abspie­len, nur klingt das meis­tens fürch­ter­lich). Außer­dem kann man nur ohne Musik durch ent­spre­chen­de Beto­nung auf schwie­ri­ge Stel­len hin­wei­sen („Vor, vor, seit, RAN“). Wenn man mit Musik übt, soll­ten sich die ver­ba­len Impul­se auf das abso­lu­te Mini­mum beschrän­ken, der Leh­rer soll­te also nicht die gan­ze Zeit quat­schen und die Musik übertönen.

Sehr wich­tig für den Lern­er­folg ist das Feed­back der Leh­rer. Im Nor­mal­fall soll­te ein Paar unter­rich­ten und selbst­ver­ständ­lich soll­ten bei­de bei­de Rol­len per­fekt beherr­schen um geziel­tes Feed­back geben zu kön­nen. Dar­aus ergibt sich zwangs­läu­fig, dass die Zahl der Paa­re nicht belie­big groß sein kann, die Ober­gren­ze liegt m.E. bei ca. 10 Paa­ren. Bei mehr Paa­ren kön­nen sich die Leh­rer auch beim bes­ten Wil­len nicht mehr aus­rei­chend um die Schü­ler kümmern.

Kor­ri­gie­ren

Immer wie­der hört man, es gäbe im Tan­go kein „rich­tig“ oder „falsch“, jeder indi­vi­du­el­le „Stil“ habe sei­ne Berech­ti­gung. Mei­ner Mei­nung nach ist das ein­fach Quatsch. Ohne eine kla­re Vor­stel­lung von rich­tig und falsch kann es kein sinn­vol­les moto­ri­sches Ler­nen geben. Es IST z.B. ein­fach falsch wenn der Mann die Frau im Schraub­stock hält bzw. sie rum­schiebt und zieht und es IST eben­so falsch, wenn die Frau sich z.B. am Mann fest­hält oder auf ihre bzw. sei­ne Füße schaut. Natür­lich darf jeder ger­ne alle tra­di­tio­nel­le Ele­men­te des Tan­go (wie zum Bei­spiel „füh­ren und fol­gen“) für über­kom­me­nen Unsinn hal­ten und so tan­zen, wie es ihm gefällt, nur hat die­se Anything goes Hal­tung nichts in einem guten Unter­richt zu suchen. Jeder Leh­rer hat natür­lich das Recht den Stil zu unter­rich­ten, den er für den „ein­zig wah­ren“ und schöns­ten hält. Wenn jemand nur engen Milonguero-Stil gel­ten lässt, soll er auch nur den unter­rich­ten; er soll­te aber zumin­dest erwäh­nen, dass es auch ande­re Tanz­sti­le gibt. 

Per­sön­lich fin­de ich es natür­lich bes­ser, wenn jemand sowohl eng (Milonguero) als auch halb-offen (Salon) und offen („Nue­vo“) unter­rich­tet. Dann kann man (auf fort­ge­schrit­te­nem Niveau) zum Bei­spiel aus­pro­bie­ren und erspü­ren, wie unter­schied­lich sich ein und die­sel­be Figur (wie z.B. das Sand­wich) in ver­schie­de­nen Fas­sun­gen anfühlt und wie unter­schied­lich dyna­misch man sie tan­zen kann . Und man könn­te auch ler­nen und üben, dass die Art der Umar­mung / Fas­sung je nach Musik vari­ie­ren kann bzw. soll­te. So passt zu „Obli­vi­on“ bes­ser eine enge (Milonguero-)Umarmung und zu einem ener­gie­ge­la­de­nen Gotan Pro­ject Kra­cher wie „San­ta Maria“ bes­ser eine offe­ne (Nuevo-)Fassung.

Effek­ti­ves Kor­ri­gie­ren ist unge­heu­er schwie­rig und erfor­dert jah­re­lan­ge Übung. Im All­ge­mei­nen wird viel zu viel kor­ri­giert. Bei mei­nem eige­nen Unter­richt habe ich spa­ßes­hal­ber manch­mal mit­ge­zählt auf wie­vie­le Din­ge ich gleich­zei­tig ach­ten soll­te, der Rekord war SIEBEN. Als Faust­re­gel kann man neh­men, dass Anfän­ger sich nur auf EINE Sache kon­zen­trie­ren kön­nen. Die gro­ße Kunst der Kor­rek­tur ist nun her­aus­zu­fin­den, wel­cher der vie­len Feh­ler, die man beob­ach­tet, der Haupt­feh­ler ist. Nur die­ser soll­te zunächst ange­spro­chen / kor­ri­giert wer­den, oft resul­tie­ren ande­re Feh­ler aus die­sem Haupt­feh­ler (häu­fig Pro­ble­me mit der Ach­se / Balan­ce). Einem Anfän­ger zu sagen, dass er gleich­zei­tig auf vier oder fünf Din­ge ach­ten soll (die natür­lich alle gaa­anz wich­tig sind), zeugt von man­geln­der didak­tisch-päd­ago­gi­scher Kom­pe­tenz. Der Schü­ler kann die Kor­rek­tu­ren nicht ver­ar­bei­ten und beschließt in sei­ner Not sich auf EINE Sache zu kon­zen­trie­ren. Genau­so nor­mal beim moto­ri­schen Ler­nen ist, dass sich ande­re Bewe­gungs­merk­ma­le erst­mal ver­schlech­tern (z.B. die Hal­tung des Kop­fes), wenn man sich auf eine bestimm­te Sache konzentriert.

„Musi­ka­lisch“ tanzen

Die meis­ten der der­zeit so belieb­ten Work­shops zu „Musi­ka­li­tät“ könn­te man sich spa­ren, wenn „musi­ka­li­sches“ Tan­zen von Anfang an fes­ter Bestand­teil des Unter­richts wäre. (Zyni­ker wer­den jetzt ein­wen­den, dass das finan­zi­ell nicht sinn­voll wäre, denn dann könn­te man mit die­sen Work­shops die Leu­te nicht so wun­der­bar abzo­cken.) Sobald vor allem die Män­ner ihre Schrit­te weit­ge­hend auto­ma­ti­siert haben und die Füh­rung klappt, soll­te der Schwer­punkt auf die musi­ka­lisch pas­sen­de Umset­zung gesetzt wer­den. Das geht nur, wenn rhyth­misch klar akzen­tu­ier­te Musik mit einer deut­li­chen Phra­sen­struk­tur gespielt wird. Ich war bzw. bin immer wie­der ver­blüfft bzw. ent­setzt, wie oft irgend­ei­ne Musik im Hin­ter­grund dudelt, ohne dass irgend­je­mand „zur Musik“ tanzt bzw. welch unge­eig­ne­te Musik im Unter­richt gespielt wird. Wie soll ein Anfän­ger musi­ka­li­sches Tan­zen ler­nen, wenn er zu wenig akzen­tu­ier­ter Musik, viel­leicht auch noch mit Tem­po­wech­seln tan­zen soll. Und nein, das heißt jetzt nicht, dass (wie sel­ber schon erlebt) „Bahia Blan­ca“ in der End­los­schlei­fe nudelt. Gera­de Neo- oder Non-Tan­gos mit ihrem gleich­mä­ßi­gen Tem­po / Beat und ihrer kla­ren Phra­sen­struk­tur könn(t)en den Lern­pro­zess deut­lich fördern.

Wie immer, soll­te man ganz ein­fach anfan­gen, also zunächst ein­mal auf jeden Haupt­schlag der Musik einen Schritt bzw. eine Akti­on (Gewichts­ver­la­ge­rung, Dre­hen der Frau etc.). Von Anfang an ach­ten wir dar­auf, dass wir pas­send zu den musi­ka­li­schen Phra­sen tan­zen. Wenn wir eine Figur im „nor­ma­len“ Tem­po tan­zen kön­nen, tan­zen wir sie mit ande­rer Dyna­mik, wie immer erst mal „tro­cken“ (mit Hil­fe rhyth­mi­sier­ter Spra­che), dann erst mit Musik. Wir kön­nen die Abfol­ge durch Ver­dop­pe­lun­gen be- oder durch Ver­lang­sa­mung / Pau­sen ent­schleu­ni­gen. Neh­men wir als The­ma der Stun­de wie­der das Sand­wich. Wir tan­zen es zunächst ein­mal zu „nor­ma­ler“ Tan­go-Musik, danach zu einer flot­ten Milon­ga (natür­lich nur, wenn die Schü­ler die bereits gelernt haben), danach zu einem Vals und danach zu lang­sa­mer Musik. Und jedes Mal ver­su­chen wir, die Eigen­ar­ten der Musik (z.B. das Flie­ßen­de des Vals) in Bewe­gung umzusetzen.

„Frei­es“ Tanzen

In den letz­ten 15–20 Minu­ten soll­te nur noch (mit gele­gent­li­chem Part­ner­wech­sel) „nor­mal“ getanzt wer­den, dabei lau­tet die Auf­ga­be die „neue(n)“ Figur(en) ins Reper­toire zu inte­grie­ren, also nicht mehr nur noch aus­schließ­lich (wie beim Üben) die neue Figur zu tan­zen. Das bedeu­tet, dass die Frau nicht mehr wis­sen darf, was als nächs­tes kommt und „von sich aus“ (weil sie ja weiß „wie es geht“) die Figur „run­ter­tanzt“. Erst jetzt zeigt sich, ob die Füh­rung klar genug ist und die Schrit­te / Bewe­gun­gen soweit auto­ma­ti­siert sind, dass sie sich flüs­sig in den Tanz­fluss inte­grie­ren oder ob es noch „hakt“ und man „hän­gen­bleibt“. Die­se über­aus wich­ti­ge Pha­se ist nach mei­ner Erfah­rung ent­we­der viel zu kurz oder ent­fällt völ­lig. Die meis­ten Stun­den sind viel zu voll­ge­pfropft, obwohl schon längst Zeit wäre auf­zu­hö­ren, kommt noch eine Varia­ti­on und noch eine Ver­zie­rung – schließ­lich will man dem Kun­den ja „was bie­ten“. Mit­un­ter blei­ben vor­her ange­kün­dig­te Sachen wegen Zeit­man­gel ein­fach auf der Stre­cke. Das wäre nicht so tra­gisch, wenn es an die­ser Stel­le in der nächs­ten Stun­de wei­ter­ge­hen wür­de, das tut es aber so gut wie nie. Statt­des­sen kommt wie­der irgend­was ganz Ande­res (im schlech­tes­ten Fall frägt der Leh­rer „Was haben wir eigent­lich letz­te Stun­de gemacht?“). 

Im Ide­al­fall folgt auf den Unter­richt eine Prac­ti­ca oder eine „anfän­ger­freund­li­che“ Milon­ga, auf der die neu­en Schrit­te / Figu­ren wei­ter geübt / getanzt und per­fek­tio­niert wer­den kann.

Eini­ge Leu­te behaup­ten hart­nä­ckig, dass man nur wenig oder gar kei­nen Unter­richt braucht, weil man sich alles Nöti­ge auf Milon­gas und / oder Prac­ti­cas aneig­nen kann. In die­sem Arti­kel beschäf­ti­ge ich mich mit die­ser Behauptung. 

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  1. Claudia

    Hal­lo Jochen,
    stim­me dir zu. Bin selbst (Englisch-)Lehrerin und Tan­go-Tän­ze­rin und habe wohl einen sehr ähn­li­chen Unter­richts­stil. Viel­leicht soll­ten wir mal ein P‑Seminar Tan­go anbieten?
    Vie­le Grüße
    Claudia

  2. Andreas Buschmann

    Auch ich stim­me dem Gesag­ten um Gro­ßen und Gan­zen zu – der rea­le Tan­go Unter­richt ist wirk­lich in viel zu vie­len Fäl­len eine didak­ti­sche Kata­stro­phe. Ich sehe eine Ursa­che dafür in der his­to­ri­schen Ent­wick­lung des Unter­richts, aber das ist ein eige­nes, län­ge­res Thema. 

    Ein The­ma fehlt mir aber sowohl in die­sem Text als auch im Tan­go Unter­richt selbst kom­plett. Mei­ner Mei­nung nach wäre es für das The­ma „musi­ka­lisch Tan­zen“ wich­tig, wenn die Schü­ler das „Tan­go Hören“ expli­zit und beglei­tend zum Tan­zen ler­nen wür­den. Und zwar von Anfang an. Wer mit Tan­go Musik auf­ge­wach­sen ist, wird das viel­leicht intui­tiv erfasst haben, aber für Tan­go Neu­lin­ge ist es nach mei­ner Erfah­rung sinn­voll ein paar Din­ge zunächst ein­mal kennenzulernen. 

    Was mei­ne ich mit „Hören ler­nen“? Tan­go Musik im All­ge­mei­nen (1) folgt, wie (fast) alle Musik, bestimm­ten Prin­zi­pi­en und Regeln: Auf­bau in Tei­len, Wie­der­ho­lun­gen, Fra­ge – Ant­wort Phra­sen, dyna­mi­sche Wech­sel, Varia­tio­nen etc. . Das Erken­nen die­ser Struk­tu­ren in der Musik ist der Schlüs­sel für ent­spann­tes Tan­zen mit Pau­sen an den rich­ti­gen Stel­len, für abwechs­lungs­rei­ches und dyna­mi­sches Tan­zen, für musi­ka­li­sche Inter­pre­ta­ti­on und Impro­vi­sa­ti­on. Wenn ich die­se Prin­zi­pi­en „höre“, kann ich auch bei einem mir unbe­kann­ten Stück viel vor­her­sa­gen und stress­frei und musi­ka­lisch dazu tan­zen. Und es macht Spaß die Ideen der Musi­ker und Arran­geu­re zu erken­nen und ihre ein­ge­bau­ten Scher­ze und Fop­pe­rei­en in Rich­tung Tän­zer zu verstehen. 

    Mei­ne Erfah­rung ist, dass selbst nach jah­re­lan­gem Tan­go Unter­richt vie­le Tän­zer nicht in der Lage sind selbst ein­fachs­te Struk­tu­ren zu erken­nen und im Tanz zu berück­sich­ti­gen. Umge­kehrt – wer ein­mal gelernt hat die­se Struk­tu­ren zu erken­nen, ver­bes­sert fast unmit­tel­bar sei­nen Tanz, unab­hän­gig vom Ausgangsniveau. 

    Das Bewusst­ma­chen die­ser Prin­zi­pi­en mit einer paar ein­fa­chen beglei­ten­den Hör- und Bewe­gungs-Übun­gen (die noch nicht mal Tan­go Kennt­nis­se erfor­dern), könn­te das Tan­go Ler­nen ins­ge­samt ver­ein­fa­chen und die Musi­ka­li­tät des Tan­zens ver­bes­sern. Vor allem aber erleich­tert es das Tan­zen unbe­kann­ter Stü­cke und Inter­pre­ta­tio­nen und kann damit den musi­ka­li­schen Hori­zont erwei­tern. Es gibt ein­zel­ne Work­shop Anbie­ter zu die­sem The­ma, aber die decken nur Teil­aspek­te ab. Eine beglei­ten­de Inte­gra­ti­on in den Unter­richt mit prak­ti­schen Übun­gen hiel­te ich für erfolg­ver­spre­chen­der. Aber viel­leicht fehlt es den Leh­rern dazu selbst an Wissen. 

    (1) Natür­lich gibt es Aus­nah­men und die Prin­zi­pi­en in der Musik haben sich im Lau­fe der Tan­go His­to­rie wei­ter­ent­wi­ckelt und ver­än­dert. Aber auch das kann man erfas­sen und es trennt zwi­schen „leicht“, „inter­es­sant“ und „schwer tanz­ba­rer“ Musik bis hin zu Musik, deren kom­ple­xer Auf­bau eine Cho­reo­gra­fie erfor­dert um sie musi­ka­lisch inter­pre­tie­rend zu tanzen.

    • Ich tei­le dei­ne For­de­rung, dass „ein­fa­che beglei­ten­de Hör- und Bewe­gungs-Übun­gen“ ein fes­ter Bestand­teil des Unter­richts sein sollten. 

      Wenn es aber um „Auf­bau in Tei­len, Wie­der­ho­lun­gen, Fra­ge – Ant­wort Phra­sen, dyna­mi­sche Wech­sel, Varia­tio­nen etc.“ geht, soll­te das m.E. außer­halb der eigent­li­chen Stun­de in einem eige­nen Work­shop (oder wie auch immer man es nen­nen möch­te) statt­fin­den, z.B. vor oder nach dem Unter­richt. Die­se (Ge)Hörschulung erfor­dert mehr­ma­li­ges, kon­zen­trier­tes Zuhö­ren. Außer­dem soll­te die Stru­kur der Musik m.E. unbe­dingt visua­li­sert wer­den (wie z.B. in https://www.youtube.com/watch?v=C1pHogtBA58).

  3. Lie­ber Jochen,
    vie­len Dank für die gründ­li­che Arbeit und dei­ne Gedan­ken, ich bin auch Sport­leh­rer und unter­rich­te mit mei­ner Frau (auch Sport­leh­re­rin) seit 12 Jah­ren Tan­go am Boden­see in Konstanz/Kreuzlingen beim http://www.tangolibre.de (wir sind als Ver­ein auf­ge­stellt und machen das neben unse­rer schul. Tätigkeit)
    Vie­le Inhal­te von dir sehe ich genau­so, und ich glau­be das wir zu 90% auch so unter­rich­ten, wie­der­ho­len wie­der­ho­len, Genau­ig­keit, damit Ele­ganz und Schön­heit in der Bewe­gung, ach es gäbe sovie­le The­men und die menschl. Bewe­gung ist auch echt span­nend zu stu­die­ren, da haben wir von unse­rem Fach aus schon einen klei­nen Vor­teil, wir hat­ten selbst auch guten Tan­go­un­ter­richt und konn­ten davon viel pro­fi­tie­ren, vor 20 Jah­ren war der Tan­go­un­ter­richt auch noch viel anders, vormachen-nachtanzen…fertig, da haben wir auch all­l­l­l­l­l­l­l­l­l­l­l­l­l­l­les erlebt, auch in BsAs.
    Auf jeden Fall noch­mal ganz herz­li­chen Dank für dei­ne Arbeit und die Anregungen
    und ganz lie­be Grü­ße vom Lago di Constanza
    Thomas

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