Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium und ein bisschen Tango

Wozu eigentlich noch unterrichten?

Damit Schüler etwas lernen!

Wozu sol­len sie (zumin­dest in Bay­ern) außer Wort­schatz und Gram­ma­tik etwas ler­nen, wenn sie spä­tes­tens in der Mit­tel­stu­fe gelernt haben, dass die INHALTE des Unter­richts völ­lig irrele­vant sind. Die ein­zi­ge Funk­ti­on von Lek­ti­ons­tex­ten ist es, Wort­schatz und Gram­ma­tik zu trans­por­tie­ren. WORUM es in den Tex­ten geht, inter­es­siert nie­man­den, denn Wis­sen darf ja nicht mehr abge­prüft wer­den. Völ­lig egal, ob es um Charles Dar­win, die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on oder das ame­ri­ka­ni­sche Bil­dungs­sys­tem geht – im schlimms­ten Fall stellt der Leh­rer in der nächs­ten Stun­de bei der „Rechen­schafts­ab­la­ge“ (= münd­li­ches Aus­fra­gen) ein paar Inhalts­fra­gen, danach kann man alles pro­blem­los ver­ges­sen, denn in einem „gro­ßen Leis­tungs­nach­weis“ (= Schul­auf­ga­be, Klau­sur) darf es ja nicht mehr abge­prüft wer­den. Das ist völ­lig absurd, denn eigent­lich gilt zumin­dest in Bay­ern laut Lehr­plan­PLUS ein völ­li­ger ande­rer Kom­pe­tenz­be­griff:

Kom­pe­tent ist eine Per­son, wenn sie bereit ist, neue Auf­ga­ben- oder Pro­blem­stel­lun­gen zu lösen, und dies auch kann. Hier­bei muss sie Wis­sen bzw. Fähig­kei­ten erfolg­reich abru­fen, vor dem Hin­ter­grund von Wert­hal­tun­gen reflek­tie­ren sowie ver­ant­wort­lich ein­set­zen.

Neh­men wir ein Bei­spiel aus mei­ner 11ten. Da haben wir uns im ers­ten Halb­jahr mit den Mid­term Elec­tions beschäf­tigt. Um deren Bedeu­tung zu ver­ste­hen, muss man wie­der­um das US Sys­tem of Government zumin­dest in gro­ben Zügen kapiert haben. Im G9 war es noch völ­lig nor­mal, im G8 war es zumin­dest bis vor ein paar Jah­ren noch gedul­det, dass die Schü­ler in einer Klau­sur ihr Wis­sen „erfolg­reich abru­fen“ muss­ten: Descri­be the sys­tem of checks and balan­ces and give one examp­le for each „direc­tion“. (Das mit der „direc­tion“ haben wir natür­lich vor­her im Unter­richt bespro­chen und geübt, also wie kann der Prä­si­dent z.B. den Supre­me Court „kon­trol­lie­ren“ und wel­che Rech­te hat anders­her­um das Obers­te Gericht.) Auf die­se Auf­ga­be konn­ten sich die Schü­ler vor­be­rei­ten, sie konn­ten und muss­ten etwas LERNEN: Ein paar Zah­len (100 Sena­tors, 435 Rep­re­sen­ta­ti­ves, 4 year term …) und vor allem Wort­schatz (appoint a judge, over­ri­de a veto, decla­re a bill uncon­sti­tu­tio­nal, usw).

Ist die­ses Wis­sen rele­vant? Ja, mei­ner Mei­nung nach unbe­dingt. Stän­dig sind auch wir in Deutsch­land von Trumps fast unbe­grenz­ter Macht­fül­le betrof­fen. Egal, ob es um Han­dels­krie­ge und deren Aus­wir­kun­gen auf die deut­sche Wirt­schaft, das trans-atlan­ti­sche Bünd­nis, etc. geht, man kann all das nur ver­ste­hen, wenn man ein ent­spre­chen­des Basis­wis­sen besitzt.

Als ich ange­fan­gen habe zu unter­rich­ten, hat man ganz selbst­ver­ständ­lich „Lan­des­kun­de“ unter­rich­tet, weil es all­ge­mei­ne Über­ein­kunft war, dass ein gebil­de­ter Mensch etwas über ande­re Län­der, in dem Fall den eng­lisch-spra­chi­gen Raum, wis­sen soll­te. Noch 2011 erschien:

Cornelsen "Abitur-Wissen"

Irgend­wann kam dann die „inter­kul­tu­rel­le“ Kom­pe­tenz daher. Wis­sen war nun kein „Selbst­zweck“ mehr, son­dern hat­te die Funk­ti­on, einen poten­ti­el­len Besu­cher der USA für bestimm­te The­men zu sen­si­bi­li­sie­ren. Also soll­ten Schü­ler zum Bei­spiel etwas über die Rol­le der Reli­gi­on in den USA ler­nen und wis­sen, um ent­spre­chen­de Fett­näpf­chen zu ver­mei­den.

Hat „lan­des­kund­li­ches“ Wis­sen etwas mit „kom­mu­ni­ka­ti­ver Kom­pe­tenz“ zu tun? Natür­lich, aller­dings hängt die Ant­wort auf die­se Fra­ge von der Defi­ni­ti­on von „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ ab und in wel­chen kom­mu­ni­ka­ti­ven Situa­tio­nen wir uns unse­re Schü­ler „im rich­ti­gen Leben“ vor­stel­len. ICH hät­te ger­ne, dass mei­ne Schü­ler zum Bei­spiel mit einem poli­tisch inter­es­sier­ten Besu­cher aus USA ange­mes­sen das ame­ri­ka­ni­sche und deut­sche Regie­rungs­sys­tem ver­glei­chen und kom­men­tie­ren kön­nen.

Was das Minis­te­ri­um bzw. sein Ver­tre­ter, Minis­te­ri­al­rat Gru­ber, unter „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ ver­steht, erfährt man ja lei­der nicht. Über­haupt wer­den neue Bestim­mun­gen so gut wie nie begrün­det, Leh­rer wer­den zu Befehls­emp­fän­gern degra­diert. War da nicht mal in grau­er Vor­zeit irgend­was mit „mün­di­gen“ Päd­ago­gen, denen man einen Ermes­sens­spiel­raum, z.B. bei der Bewer­tung von Arbei­ten zuge­stan­den hat? In letz­ter Zeit ertrinkt man in einer Flut von Vor­schrif­ten, die bis ins letz­te Detail regeln, wie irgend­was zu bewer­ten ist. Dem Leh­rer über­las­sen, wie ver­schie­de­ne Tei­le einer Klau­sur gewich­tet wer­den, weil er am bes­ten weiß, was er wie inten­siv behan­delt hat? Wo kom­men wir denn da hin, das Minis­te­ri­um weiß das viel bes­ser. Ein Schwel­len­wert von 33% für die Note 5 ist für einen kur­zen, rein repro­duk­ti­ven Voka­bel­test nicht ange­mes­sen (immer­hin gal­ten die 33% bis letz­tes Jahr aus­schließ­lich für das Abitur bzw. die Ober­stu­fe)? Nichts da, der neue Schwel­len­wert wird ein­fach ver­ord­net, der Leh­rer hat da gar nichts mehr zu mel­den.

Um Schüler aufs Abitur vorzubereiten!

Das schrift­li­che baye­ri­sche Abitur ist inzwi­schen der­art läp­pisch, das kann ein durch­schnitt­li­cher 10.-Klässler nach spä­tes­tens vier Wochen. Die meis­ten mei­ner 10.-Klässler kom­men beim Hör­ver­ste­hen genau­so auf ihre ca. 16 Punk­te (von 20) wie mei­ne Abitu­ri­en­ten. Ange­sichts der absurd lan­gen Zeit und der Tat­sa­che, dass sie ein zwei­spra­chi­ges Lexi­kon ver­wen­den dür­fen, ver­ste­hen auch mit­tel­mä­ßi­ge Schü­ler zumin­dest den Sach­text weit­ge­hend pro­blem­los (Hin­ter­grund­wis­sen brau­chen sie ja eh nicht). Und man benö­tigt nun wirk­lich kei­nen gro­ßen Wort­schatz um in lächer­li­chen 250 Wör­tern dar­über zu schrei­ben, ob Zoos (2016/II, 1.) bzw. der Mut­ter­tag (2014/I, 1.) abge­schafft wer­den soll­ten. Der größ­ten Dumpf­ba­cke habe ich nach spä­tes­tens zwei Wochen bei­gebracht, dass der Auf­satz eine kur­ze Ein­lei­tung, einen erkenn­ba­ren Haupt­teil und einen kur­zen Schluss haben muss. Und die Media­ti­on ist eh so wischi­wa­schi, das kön­nen 10.-Klässler (wie­der mit Hil­fe des zwei­spra­chi­gen Lexi­kons) auch schon längst.

Um den Lehrplan zu erfüllen!

Wie und vor allem wozu soll man noch „leh­ren“, wenn für die Schü­ler von vor­ne­her­ein völ­lig klar, dass abso­lut NICHTS von all dem jemals „dran­kommt“? Wenn man ehr­lich wäre, müss­te man in der ers­ten Stun­de eines neu­en Q-Kur­ses sagen: „Ich möch­te Sie dar­auf hin­wei­sen, dass Sie – vor­aus­ge­setzt Sie machen in Eng­lisch das schrift­li­che Abitur – nichts von all dem, was wir in den nächs­ten zwei Jah­ren machen wer­den, jemals in einer Klau­sur benö­ti­gen bzw. repro­du­zie­ren müs­sen.“

Ich fra­ge mich, was im neuen/alten G9 eigent­lich quä­len­de DREI Jah­re lang gemacht wer­den soll. Stän­dig lese ich was von „ver­tief­tem“ Ler­nen. Was soll da bit­te­schön „ver­tieft“ wer­den? Um Ler­nen „ver­tie­fen“ zu kön­nen, müss­te ja über­haupt erst­mal irgend­ein Ler­nen statt­fin­den. Der „Unter­richt“ fin­det inzwi­schen häu­fig auf einem der­art arm­se­li­gen Niveau statt, dass man selbst auf die Fra­ge, was denn eigent­lich der­zeit das The­ma des Unter­richts sei, meist nur ein müdes Schul­ter­zu­cken ern­tet. „Leh­ren“ wir in Zukunft drei Jah­re lang, dass ein Auf­satz eine Ein­lei­tung haben und man bei der Beant­wor­tung einer Fra­ge kor­rekt zitie­ren soll­te?

Frü­her gab es noch die schö­ne „Lern­ziel­kon­trol­le“. Es soll­te etwas gelernt wer­den, das Ler­nen soll­te ein klar defi­nier­tes „Ziel“ haben und der Leh­rer soll­te „kon­trol­lie­ren“, ob es geklappt hat. Inzwi­schen hat der Begriff vor allem in der Ober­stu­fe kom­plett sei­nen Sinn ver­lo­ren. Es wird nichts mehr gelernt, folg­lich kann es auch kei­ne Zie­le mehr geben, die man kon­trol­lie­ren könn­te. Checks and Balan­ces? Egal, darf in einer Klau­sur nicht mehr abge­prüft wer­den. Shake­speare Sonet­te? Dür­fen als Text in einer Klau­sur nicht mehr ver­wen­det wer­den, im Abitur gibt’s ja nur Pro­sa. Poli­ti­sche Reden ana­ly­sie­ren? Wozu, wenn die Schü­ler ganz genau wis­sen, dass in einer Klau­sur kei­ne Rede „dran­kommt“? An eini­gen Schu­len geht es ja inzwi­schen schon so weit, dass selbst Stil­mit­tel als zu „wis­sens­ori­en­tiert“ nicht mehr abge­prüft wer­den dür­fen, weil sie im Abitur auch nicht mehr ver­langt wer­den.

Rich­tig irre ist ja auch, dass man selbst sprach­prak­ti­sche Din­ge (wie Zei­ten, Bedin­gungs­sät­ze, indi­rek­te Rede usw.) nicht mehr prü­fen darf (sind ja schließ­lich kein „Abitur­for­mat“). Selbst in einer 11ten bekom­me ich immer öfter Sachen wie „He didn’t wan­ted / She don’t goes / If he would have tell me / She have not went“ usw. Selbst die pri­mi­tivs­ten Fach­be­grif­fe bzw. Kon­zep­te (wie Infi­ni­tiv, Gerund, simp­le past vs. pre­sent per­fect etc.) wer­den nicht mehr beherrscht, von einem dif­fe­ren­zier­ten Wort­schatz mal ganz zu schwei­gen. Da gibt es doch tat­säch­lich immer noch so ver­bohr­te Stur­schä­del, die mei­nen, dass Schü­ler in einer Spra­che Wort­schatz ler­nen und Gram­ma­tik beherr­schen und der Leh­rer das auch regel­mä­ßig über­prü­fen soll­te …

Um die Schüler auf das Kolloquium vorzubereiten!

Stimmt, im münd­li­chen Abitur („Kol­lo­qui­um“) soll der Schü­ler plötz­lich zei­gen, dass er etwas weiß – also genau das, was vor­her zwei (bzw. in Zukunft wie­der drei) Jah­re STRIKT VERBOTEN war! Aus die­sem Grund rate ich auch jedem Schü­ler vom Kol­lo­qui­um ab: Wie soll er plötz­lich etwas kön­nen, das er vor­her nicht üben durf­te?

Ausblick

Die Ver­blö­dung geht mun­ter wei­ter: Schon jetzt gel­ten die neu­en Bewer­tungs­richt­li­ni­en für „klei­ne Leis­tungs­er­he­bun­gen, die einen in der Abitur­prü­fung vor­ge­se­he­nen Prü­fungs­teil umfas­sen“ (KMS S. 5). Der nächs­te Schritt wird sein, dass auch in Stegreifaufgaben/Exen NUR NOCH Abitur­for­ma­te zuge­las­sen sind, man also kei­nen Wort­schatz (ggf. kom­bi­niert mit Gram­ma­tik) bzw. (Hintergrund-)Wissen mehr abprü­fen darf.

Was machen wir dann eigent­lich in einem 20-minü­ti­gen KLN? Einen aus drei kur­zen Absät­zen bestehen­den Text vor­le­gen und dazu eine Fra­ge stel­len? Einen 120 Wör­ter „Auf­satz“ schrei­ben las­sen? Drei kur­ze Absät­ze sprach­mit­teln?

Dann „stört“ eigent­lich nur noch die „Rechen­schafts­ab­la­ge“, denn da kann man ja immer noch Wort­schatz und Inhal­te der letz­ten Stun­de abprü­fen. Am bes­ten ver­bie­tet man sie gleich kom­plett, alter­na­tiv kann man ver­ord­nen, dass nur noch über „kom­mu­ni­ka­tiv rele­van­te“ The­men wie Wet­ter, Fuß­ball oder Autos gespro­chen wer­den darf.

Fazit

Als ich vor mehr als 30 Jah­ren ange­fan­gen habe zu unter­rich­ten, war Eng­lisch ein tol­les, anspruchs­vol­les, „gym­na­sia­les“ Fach. Mit der Ein­füh­rung des G8 begann ein für unmög­lich gehal­te­ner Nie­der­gang. Der Tief­punkt ist noch gar nicht erreicht, aber schon jetzt ist es ein Dep­pen­fach, in dem – kos­te es was es wol­le – nur noch gute Noten/Punkte pro­du­ziert wer­den sol­len. Unter­richt bzw. Leh­ren im tra­di­tio­nel­len Sin­ne fin­det nicht mehr statt.

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  1. Astrid

    Wow! Erschre­ckend…
    Und ich star­te 2019 erst in mein Refe­ren­da­ri­at. Jedoch, das sei dazu gesagt, unter­rich­te ich an einer Real­schu­le (E, BaWü).

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