Der fol­gen­de Text ist eine Über­set­zung von Why we often misun­derstand the words “lead” and “fol­low” von Vero­ni­ca Tou­ma­no­va

Hin­weis: Ich ver­wen­de im Fol­gen­den „der Füh­ren­de“ und „die Fol­gen­de“ im Bewusst­sein, dass natür­lich auch Frau­en füh­ren und Män­ner fol­gen kön­nen.

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Wäh­rend mei­ner Jah­re als Tän­ze­rin und Leh­re­rin hör­te ich viel Kri­tik an den Begrif­fen „füh­ren“ (lead) und „fol­gen“ (fol­low) und ihren Ent­spre­chun­gen in ande­ren Spra­chen. Das Lexi­kon defi­niert „füh­ren“ als „auf einem Weg füh­ren, vor allem durch Vor­aus­ge­hen“, „die Rich­tung auf einem Kurs vor­ge­ben“ und „als Kanal für etwas die­nen“. Das Verb „fol­gen“ wird defi­niert „nach oder hin­ter jemand oder etwas gehen oder kom­men“. Wie man sieht, beschrei­ben die­se Wor­te in ihrem all­ge­mei­nen Sinn recht prä­zi­se die Rol­len im Tan­go. Sie ent­hal­ten auch kei­ner­lei emo­tio­na­le Kon­no­ta­tio­nen. Trotz­dem mögen vie­le Leu­te die­se Begrif­fe nicht.

Im Tan­go geht es um GEMEINSAME IMPROVISATION, d.h. in einem gewis­sen Sinn ent­steht eine Unter­hal­tung zwi­schen zwei Men­schen. Wie in jeder Unter­hal­tung muss einer begin­nen und der ande­re reagie­ren. In ande­ren Spra­chen wird „füh­ren“ manch­mal ersetzt durch „die Rich­tung vor­ge­ben“ oder „mar­kie­ren“. Alle Begrif­fe ver­wei­sen jedoch auf das grund­le­gen­de Kon­zept „die Rich­tung vor­ge­ben“ für den Füh­ren­den und „in der vor­ge­schla­ge­nen Rich­tung gehen“ für die Fol­gen­de.

In der gan­zen mensch­li­chen Geschich­te wur­de die Wor­te „füh­ren“ und „fol­gen“ für Kon­zep­te ver­wen­det, die sehr wenig mit dem ursprüng­li­chen Wort­sinn zu tun haben. Das Modell „füh­ren und fol­gen“ wird oft mit dem Modell „befeh­len und gehor­chen“ ver­wech­selt. Beim „befeh­len und gehor­chen“ Modell erzwingt die domi­nan­te Par­tei die Ein­wil­li­gung des ande­ren indem sie, ent­we­der wört­lich oder in einem bestimm­ten sozia­len Kon­text, ihr Über­le­ben bedroht. Die­se his­to­ri­schen Kon­no­ta­tio­nen sind manch­mal sehr stark. Die paar Male, als ich auf Deutsch unter­rich­tet habe, konn­te ich mich nie dazu über­win­den, den Begriff „Füh­rer / Füh­ren­der“ zu ver­wen­den. In Wirk­lich­keit hat „befeh­len und gehor­chen“ über­haupt nichts mit „füh­ren und fol­gen“ zu tun. Wenn man eine inter­es­san­te Unter­hal­tung oder einen wirk­lich ver­bun­de­nen Tanz haben möch­te, wird „befeh­len und gehor­chen“ nie­mals funk­tio­nie­ren.

Ein­fach gesagt, ist der Füh­ren­de im Tan­go ver­ant­wort­lich für die Bewe­gung des Paa­res im Raum. Er schlägt ein Mus­ter vor, ein bestimm­tes „Design“ und gibt der ande­ren Per­son genü­gend Infor­ma­tio­nen, damit sie fol­gen kann. Beim Füh­ren geht es um RICHTUNG. Die Rol­le der Fol­gen­den im Tan­go ist es, die vor­ge­schla­ge­ne Rich­tung zu spü­ren und dort­hin ohne Zögern zu gehen. Beim Fol­gen geht es um VERTRAUEN. Weil sie genug haben von der „füh­ren und fol­gen“ Ver­wir­rung, benut­zen vie­le Leh­rer die Wör­ter „vor­schla­gen“ und „reagie­ren“. Den­noch drü­cken „füh­ren“ und „fol­gen“ für mich die Rol­len bes­ser aus. Ein guter Füh­ren­der schlägt nicht nur etwas vor, er ist für das Paar als Gan­zes ver­ant­wort­lich, er ent­schei­det, wohin und wie es, abhän­gig von den Umstän­den und – nicht unwich­tig – abhän­gig von den Fähig­kei­ten und Eigen­schaf­ten der Fol­gen­den, geht. Fol­gen ist nicht nur ein­fach die Reak­ti­on auf einen Vor­schlag, es geht dar­um, die eige­ne Bewe­gung aus­zu­füh­ren, sich sel­ber und die eige­ne Musi­ka­li­tät und Ener­gie inner­halb eines vor­ge­ge­be­nen Mus­ters voll­stän­dig aus­zu­drü­cken. Im Zusam­men­spiel zwi­schen den bei­den Rol­len besteht auch ein Para­do­xon: Sobald die Fol­gen­de die Rich­tung und Geschwin­dig­keit ver­stan­den hat, „führt“ sie das Paar ein­fach dadurch, dass sie sich bewegt, wäh­rend der Füh­ren­de ihr „folgt“, um die Ver­bin­dung auf­recht­zu­er­hal­ten.

Wenn eine Frau mit Tan­go beginnt, ist ihr all das oft nicht klar. Das Wort „fol­gen“ mit sei­ner „gehor­chen“ Kon­no­ta­ti­on ist für jede moder­ne, unab­hän­gi­ge, geschwei­ge denn femi­nis­ti­sche Frau, absto­ßend. Wenn der Leh­rer ihr sagt, sie sol­le „auf­hö­ren zu den­ken und anfan­gen zu fol­gen“ ist die Ver­wir­rung kom­plett. Die eigent­li­che Bot­schaft ist, mit dem ratio­na­len Inter­pre­tie­ren auf­zu­hö­ren und der Ein­la­dung zur Bewe­gung zu ver­trau­en. Die Frau ver­steht jedoch: „Ich soll ein pas­si­ves, nicht-den­ken­des Objekt wer­den, dass der Füh­ren­de her­um­schiebt.“ Sie hat des­halb zwei Optio­nen: Ent­we­der sie wird ein Objekt oder sie rebel­liert, was gleich­be­deu­tend ist mit: „Ich kann nur eine Unter­hal­tung mit dir füh­ren, wenn ich rede.“

Wenn eine Frau sich für „gehor­chen“ ent­schei­det, fängt sie an dar­auf zu war­ten, dass der Füh­ren­de ihr jede Bewe­gung von Anfang bis Ende vor­gibt. Das macht sie lang­sam und so bleibt dem Füh­ren­den nur noch die Wahl ent­we­der auf­zu­hö­ren mit ihr zu tan­zen oder sie mit Kraft her­um­zu­schie­ben. Dadurch ent­steht ein Teu­fels­kreis: Je weni­ger die Frau sich bewegt, des­to mehr drückt der Mann und je mehr er drückt, des­to weni­ger Ver­an­las­sung hat sie sich zu bewe­gen. Die­se Art zu fol­gen ist wie ein Spa­zier­gang mit einem Freund, bei dem man erwar­tet, dass der Freund einem bei jedem Schritt sagt, wo man sei­nen Fuß hin­set­zen soll. Wenn eine Frau sich dafür ent­schei­det, ein pas­si­ves Objekt zu wer­den, ver­ur­teilt sie den Füh­ren­den dazu, sie wie ein Möbel­stück her­um­zu­schie­ben. Wenn ein Mann die Frau mit einem Möbel­stück ver­wech­selt, ver­ur­teilt er sich selbst dazu von den meis­ten Tän­ze­rin­nen zurück­ge­wie­sen zu wer­den.

In Wirk­lich­keit hat Fol­gen nichts mit Pas­si­vi­tät zu tun, genau­so wenig wie Füh­ren mit Kraft. Fol­gen ist eine über­aus akti­ve Rol­le, man muss stets bereit sein, stets den ver­füg­ba­ren Platz nut­zen, stets zuhö­ren und reagie­ren und immer offen für Impul­se und Vor­schlä­ge sein. Es ist, als wäre man ein Fluss: So lan­ge es Platz gibt, fließt der Fluss, es braucht nie­mand, der ihn anschiebt. Zu fol­gen, heißt nicht mehr ratio­nal zu beur­tei­len, sich dem ande­ren anzu­ver­trau­en und DORTHIN ZU GEHEN wo er einen mit­nimmt, mit dem gan­zen Wesen, auf die eige­ne Art und Wei­se und sich in der Bewe­gung aus­zu­drü­cken. Beim Fol­gen geht es um Wahl und Zusam­men­ar­beit. Wenn ich mich ent­schei­de nicht zu fol­gen, muss ein Mann mich schon umschmei­ßen, um mich zu bewe­gen.

Mein Lieb­lingstrick mit männ­li­chen Anfän­gern ist, ihn nur mit einer gan­zen leich­ten Berüh­rung oder ganz ohne gehen zu las­sen. Sein gro­ßes Erstau­nen, dass ich win­zi­ge Frau einen gro­ßen und unge­schick­ten Mann in die Rich­tung füh­ren kann, in die ich möch­te, zeigt die „Magie“ des Tan­go. Füh­ren bedeu­tet nicht nur den Weg zu zei­gen, man benutzt auch das Ein­ver­ständ­nis der ande­ren Per­son sich krea­tiv zu bewe­gen. Vie­le Leh­rer ver­glei­chen Füh­ren mit Auto­fah­ren, und wenn ich für jeden Ver­gleich mit einem Fer­ra­ri Geld bekom­men hät­te, könn­te ich mir inzwi­schen wahr­schein­lich einen leis­ten. Ich ver­glei­che füh­ren oft mit einem Kind zu spie­len. Das Kind hat sei­ne eige­ne Ener­gie und Vor­stel­lun­gen, was es machen möch­te. Die Kunst besteht dar­in, DIESES Kind dazu zu brin­gen MIT MIR zu spie­len.

Ein wei­te­rer Grund, war­um wir „füh­ren und fol­gen“ oft mit „befeh­len und gehor­chen“ ver­wech­seln, ist, weil bei­de ein Aus­druck der Ener­gi­en sind, die ich, der Ein­fach­heit hal­ber, „männ­lich“ und „weib­lich“ nen­ne.

(Die­ser Punkt und der fol­gen­de Absatz haben eini­ge Dis­kus­sio­nen aus­ge­löst und es wur­de zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass „männ­li­che“ und „weib­li­che“ Ener­gie sie zu stark an das bio­lo­gi­sche Geschlecht bin­det. Das ist nicht mei­ne Absicht, denn ich sehe die­se Ener­gi­en unab­hän­gig von der Bio­lo­gie. Es ist jedoch auch rich­tig, dass es zu ein­fach ist, Din­ge mit nur zwei Haupt­en­er­gi­en zu erklä­ren und es stimmt auch, dass wir Men­schen kom­ple­xer sind. Im fol­gen­den Absatz geht es dar­um, was ich bis­her über die zwei Rol­len im Tan­go und die zwei Ener­gi­en bzw. Qua­li­tä­ten den­ke. Mir ist bewusst, ich mich völ­lig täu­schen könn­te.)

Männ­li­che Ener­gie ist die Ener­gie des MACHENS: han­deln, gehen, ent­de­cken, erschaf­fen, zer­stö­ren. Füh­ren ist ein gesun­der Aus­druck die­ser Ener­gie, es geht dar­um Zie­le zu haben, zu steu­ern und zu kana­li­sie­ren, Ver­ant­wor­tung und Ori­en­tie­rung. Weib­li­che Ener­gie ist die Ener­gie des SEINS: In den ver­füg­ba­ren Raum zu flie­ßen, ihn aus­zu­fül­len und ihn zu beset­zen, es geht um Intui­ti­on, Gefühl, Ver­trau­en, Gebä­ren und Trans­for­ma­ti­on. Einer der schöns­ten Aspek­te des Tan­gos ist, dass er es die­sen bei­den Ener­gi­en erlaubt sich aus­zu­drü­cken, wäh­rend sie mit­ein­an­der spie­len. Den­noch braucht man als wah­rer Füh­ren­der einen „Trop­fen“ weib­li­cher Ener­gie und als wah­re Fol­gen­de einen „Trop­fen“ männ­li­cher Ener­gie. War­um? Weil die­se bei­den Ener­gi­en in ihrer extre­men Aus­prä­gung zu „befeh­len und gehor­chen“ füh­ren. Männ­li­che Ener­gie führt in ihrer extre­men Aus­prä­gung zu Gewalt und weib­li­che Ener­gie zu tota­ler Pas­si­vi­tät. Aus dem Mann wird ein Macho und aus der Frau eine Prin­zes­sin. Im Tanz heißt das, dass der Mann die Frau wie in einem Schraub­stock hält und sie her­um­zerrt, wäh­rend sie mit ihren Füßen her­um­zap­pelt um nicht über den Hau­fen gerannt zu wer­den. Als ich anfing Tan­go zu ler­nen, wur­de oft so getanzt. Damals wur­de oft gesagt „Der Füh­ren­de ist an allem schuld“, was ich eine merk­wür­di­ge Fest­stel­lung fand, denn ich dach­te, wenn das stim­men wür­de, wür­den Män­ner ja ger­ne mit allen mög­li­chen Frau­en tan­zen. Den­noch for­der­ten Män­ner offen­sicht­lich lie­ber Frau­en auf, die gut tan­zen konn­ten. Lei­der sieht man den „Macho / Prin­zes­sin“ Stil noch immer sehr häu­fig, aber es ist wich­tig zu ver­ste­hen, dass das Pro­blem nicht in den Wor­ten liegt, son­dern in ihrer Inter­pre­ta­ti­on. Die Wor­te sind völ­lig in Ord­nung.

Jeder von uns hat bei­de Ener­gi­en, männ­lich und weib­lich, in sich und ihre Balan­ce ist in jedem Men­schen und in jeder Situa­ti­on unter­schied­lich. Wenn ich füh­re, drü­cke ich mehr mei­ne „männ­li­che“ Ener­gie aus, wenn ich fol­ge, mehr mei­ne „weib­li­che“. Eine Frau, die ger­ne führt, ist nicht auto­ma­tisch eine mili­tan­te Femi­nis­tin, sie führt ein­fach nur ger­ne. Eine Mann, der ger­ne folgt, ist nicht auto­ma­tisch unter­wür­fig oder homo­se­xu­ell, er folgt ein­fach ger­ne. Wenn du ande­re Wor­te lie­ber hast, dann ver­wen­de die dei­ner Mei­nung nach pas­sen­de­ren. Letzt­end­lich ist nur von Bedeu­tung, wie du die Wor­te auf den Tanz anwen­dest.