Ein Streit­punkt bei der Behand­lung von Car­toons ist immer wie­der, wel­che Rol­le die rei­ne BESCHREIBUNG spie­len soll. Vor kur­zem habe ich dazu fol­gen­de Mail bekom­men:

Hal­lo Jochen,

heu­te habe ich in mei­nem gk dein Car­ton-Work­s­heet durch­ge­nom­men. Als ich den Schü­lern sag­te, dass sie zunächst die Mes­sa­ge der Kari­ka­tur erwäh­nen soll­ten, ern­te­te ich einen Sturm der Ent­rüs­tung. Letz­tes Jahr hät­ten sie es genau anders her­um gelernt und außer­dem beschrei­be man in ande­ren Fächern auch zunächst die Zeich­nung, bevor man eine Inter­pre­ta­ti­on abge­be. Ich habe „mei­ne“ Ver­si­on zwar mit Hän­den und Füßen ver­tei­digt, bin nun aber doch etwas ver­wirrt. Kannst Du evtl. Licht ins Dun­kel brin­gen?

Zunächst möch­te ich klar­stel­len, dass ich im Unter­richt selbst­ver­ständ­lich Bil­der und Pho­tos beschrei­ben las­sen, aber das ist dann in ers­ter Linie eine WORT­SCHATZ-Übung. Natür­lich kann ich auch VOR einer Inter­pre­ta­ti­on einen Car­toon beschrei­ben las­sen, um sicher­zu­stel­len, dass für die anschlie­ßen­de Inter­pre­ta­ti­on der benö­tig­te Wort­schatz zur Ver­fü­gung steht. Das ändert aber nichts dar­an, dass Beschrei­ben und Inter­pre­tie­ren zwei ver­schie­de­ne Din­ge sind, die man m.E. sau­ber tren­nen soll­te.

Natür­lich gibt es durch­aus Situa­tio­nen, in denen man die Auf­merk­sam­keit eines Betrach­ters auf bestimm­te Details eines Bil­des (z.B. in einem Muse­um) len­ken möch­te, weil man befürch­tet, dass er sie sonst über­se­hen könn­te („Have you noti­ced the xy in the upper left-hand cor­ner?“), aber das ist eine ganz ande­re Situa­ti­on.

Zum einen bin ich aus „kom­mu­ni­ka­ti­ven“ Grün­den gegen eine rei­ne Beschrei­bung. Zur Illus­tra­ti­on neh­me ich fol­gen­de Situa­ti­on: „Ima­gi­ne you are on an exchan­ge visit in GB or the US. You are rea­ding a news­pa­per and see a car­toon that you don’t under­stand. You ask your host mother what the car­toon means. How would you react if she star­ted DESCRIBING the car­toon like e.g. ‚In the upper left-hand cor­ner you can see …‘ Wouldn’t that be very weird? Wouldn’t you think some­thing like: ‚Hey, I’m not blind. Why does she tell me things I can see mys­elf. I’d like to know what it MEANS‘.“

So wie die Schü­ler bei einer ques­ti­on on the text zei­gen müs­sen, dass sie den Text ver­stan­den haben (und ich vor­her ja auch kei­nen sum­ma­ry ver­lan­ge), müs­sen sie bei einem Car­toon ent­spre­chend zei­gen, dass sie ihn ver­stan­den haben und sei­ne mes­sa­ge beschrei­ben kön­nen. Ich kann einen Car­toon völ­lig rich­tig inter­pre­tie­ren, ohne ihn in allen Ein­zel­hei­ten zu beschrei­ben.

Zum Zwei­ten hal­te ich nichts von „pure descrip­ti­on“, weil sie zwangs­läu­fig zu unnö­ti­gen Wie­der­ho­lun­gen führt. Alle RELEVANTEN Bestand­tei­le des Car­toons müs­sen ja sowie­so bei der Inter­pre­ta­ti­on erwähnt bzw. beschrie­ben wer­den. Wenn die Schü­ler am Anfang NUR beschrei­ben, kommt vie­les zwei­mal, erst in der Beschrei­bung („The man is shrug­ging his shoul­ders.“) und dann noch­mal in der Inter­pre­ta­ti­on („The fact that the man is shrug­ging his shoul­ders might con­vey that …“).

Neh­men wir als Bei­spiel fol­gen­den Car­toon:

school-shootings-hands-in-the-air.gif

Ich fra­ge: „Which details in this car­toon are com­ple­te­ly IRRELEVANT for the mes­sa­ge and should the­re­fo­re NOT be men­tio­ned in your ans­wer?“

Ant­wort: the man’s stran­ge tie, the girl’s hairstyle (für eine Beschrei­bung bräuch­te man plaits), their mouths, his long face, his stran­ge shoul­ders usw.

Bei einer Beschrei­bung müss­te man all die­se Details jedoch sehr wohl erwäh­nen, außer man schränkt von vor­ne­her­ein ein: „Descri­be only the important details of the car­toon“.

Eine Mus­terlö­sung für o.a. Car­toon wür­de fol­gen­der­ma­ßen lau­ten:

In my opi­ni­on the car­toon is sup­po­sed to cri­ti­ci­ze the Ame­ri­can gun lob­by, which is rep­re­sen­ted by the NRA. The school­girl stands for all the inno­cent school child­ren who have been threa­tened or even kil­led in school shoo­tings. The gun lob­by­ist puts his hands „in the air“ and shrugs his shoul­ders to con­vey that he pre­tends to be sor­ry but that he can’t do anything about the­se tra­gic events. Howe­ver the mes­sa­ge of the car­toon is that many of tho­se school shoo­tings couldn’t take place if the gun lob­by wasn’t that suc­cess­ful in pre­ven­ting stric­ter gun laws in the US.

Eine wei­te­re Mus­terlö­sung für einen gun car­toon fin­dest du hier.

Cartoons im Abitur

… ist noch­mal ein spe­zi­el­ler Fall, denn fast nie kommt man allein durch die Inter­pre­ta­ti­on auf die gefor­der­ten „about 200 to 250 words“.  Wie man sich trotz­dem geschickt aus der Affä­re zie­hen kann, erklä­re ich in die­sem Bei­trag.