Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Rechthörung

Einer der m.E. absur­des­ten Aspek­te des der­zeit ange­sag­ten Kom­pe­ten­zen-Wahns ist, dass man plötz­lich meint die „rei­ne“ Kom­pe­tenz, völ­lig iso­liert von ande­ren, prü­fen und bewer­ten zu müs­sen. So sol­len z.B. bei Hör­ver­ste­hens­übun­gen Recht­schreib­feh­ler nur noch „geahn­det“ wer­den, wenn sie „sinn­ent­stel­lend“ sind (vgl. „Hin­wei­se zur Kor­rek­tur und Bewer­tung“). 

Neh­men wir als Bei­spiel das aktu­el­le Abitur und die Tat­sa­che, dass Herr Kar­ma­ni ein „youth coun­sellor“ ist. Der begeg­net mir jetzt in den unter­schied­lichs­ten Schreib­wei­sen: coun­cil­lor, coun­silor, caun­se­ler, usw. Dank mei­ner gera­de­zu uner­schöpf­li­chen rezep­to­ri­schen Kom­pe­tenz erken­ne ich in all die­sen inter­es­san­ten Varia­tio­nen natür­lich immer noch das ursprüng­lich gemein­te Wort und gebe den Punkt.

Was ich aber NICHT erken­ne ist, ob der Schü­ler über­haupt ver­stan­den hat, was er da zu Papier bringt oder ob er nur ver­sucht irgend­was hin­zu­schrei­ben, was unge­fähr den Regeln der eng­li­schen Recht­schrei­bung ent­spricht. Was wäre denn z.B. mit dem „kaun­sel­la“? Ist das jetzt „sinn­ent­stel­lend“ oder „meint“ der Schü­ler nicht doch „eigent­lich“ das Rich­ti­ge?

Bei der Auf­ga­be 5 soll es ent­spre­chend einen gan­zen Punkt für ‚edju­ca­ti­on‘, ‚edu­ka­ti­on‘ etc. geben, dabei ist das ein Wort, das bereits in der 7. Klas­se (!) gelernt wur­de. Wir pre­di­gen unse­ren Schü­lern doch immer, dass man ein Wort nur wirk­lich kann, wenn man es rich­tig schrei­ben und aus­spre­chen kann, wenn man sei­ne Bedeutung(en) kennt und weiß wie man das Wort benutzt (Kol­lo­ka­tio­nen, Kon­no­ta­tio­nen etc.). War­um soll die­ser bewähr­te Grund­satz jetzt plötz­lich bei bestimm­ten Auf­ga­ben­for­men nicht mehr gel­ten?

Wenn man von der Mus­terlö­sung aus­geht (und Alter­na­ti­ven weg­lässt), muss der Schü­ler in die­sem Teil des Abiturs (!) genau ZEHN Wör­ter schrei­ben. War­um kann ich dann – ver­dammt noch­mal – nicht erwar­ten, dass die­se Wör­ter auch rich­tig geschrie­ben wer­den? Wozu haben die Schü­ler eigent­lich ihr zwei­spra­chi­ges Lexi­kon? War­um über­prü­fe ich zusam­men mit der Hör- nicht auch gleich die Lexi­kon-Benut­zungs­kom­pe­tenz mit den Teil­kom­pe­ten­zen: Lexi­kon rich­tig­her­um in die Hand  neh­men, an einer sinn­vol­len Stel­le öff­nen („nein, der Buch­sta­be ’s‘ beginnt nicht schon nach 20 Sei­ten“), zügi­ges Blät­tern, alpha­be­ti­sche Kom­pe­tenz und schließ­lich die Fähig­keit ein Wort aus dem Lexi­kon rich­tig abzu­schrei­ben? War­um gehört zum „fina­li­zing“ nicht auch dazu, ggf. ein paar Wör­ter nach­zu­schla­gen um sicher­zu­ge­hen, dass sie auch rich­tig geschrie­ben sind? Denn nur dann wür­de ich sehen, ob der Schü­ler auch wirk­lich kapiert hat, dass es halt ein „coun­sellor“ und kein „coun­cil­lor“ ist. Auch bei Hör­ver­ste­hens­übun­gen soll­ten Recht­schreib­feh­ler des­halb mit einem hal­ben Punkt gewer­tet wer­den.

Aber noch ste­hen wir ja erst am Anfang der kom­pe­ten­ten Iso­lie­rung, da besteht noch erheb­li­cher Reform­be­darf. Es ist z.B. völ­lig unhalt­bar, dass wir bei münd­li­chen Äuße­run­gen auf Aus­spra­che / Into­na­ti­on, Wort­schatz, Gram­ma­tik, Kohä­renz und Inhalt gleich­zei­tig ach­ten müs­sen, da kön­nen ja nur wenig aus­sa­ge­kräf­ti­ge Ergeb­nis­se her­aus­kom­men. In Zukunft redet der Schü­ler irgend­was und wir kon­zen­trie­ren uns aus­schließ­lich auf sei­ne pho­no­lo­gisch-into­na­to­ri­sche Kom­pe­tenz. Ein ande­res Mal geht es nur um sei­ne lexi­ka­li­sche Kom­pe­tenz, ohne dass der Inhalt in die Bewer­tung ein­ge­hen darf. Long live splendid iso­la­ti­on …

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ALLES TANGO!? Bayern tanzt

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yPads

  1. max

    Und das kommt „hin­ten“ raus …

    >Medi­en­kom­pe­tenz sehr gut, deut­sche Spra­che man­gel­haft
    >Stu­die för­dert bestür­zen­de Lücken bei Stu­di­en­an­fän­gern zuta­ge

    >Deut­sche Stu­di­en­an­fän­ger wei­sen mas­si­ve Lücken in Recht­schrei­bung und
    >Gram­ma­tik auf und zei­gen zudem eine man­geln­de Lese­kom­pe­tenz. Zu die­sem
    >Schluss kommt eine bis­lang unver­öf­fent­lich­te Stu­die unter den Phi­lo­so­phi­schen
    >Fakul­tä­ten an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten.

    http://tinyurl.com/brozr2k

  2. Michael Kammer

    > Beweis: die (not­falls auch durch nach­träg­li­che Abmil­de­rung des Kor­rek­tur­schlüs­sels von oben, wie beim letz­ten Mathea­b­itur) min­des­tens gleich guten, wenn nicht gar bes­se­ren Abi­no­ten der Schü­ler.

    Ist zwar nicht Eng­lisch, und ich bin auch erst Refe­ren­dar, aber ich dach­te, die Noten selbst wur­den 2011 nicht ver­än­dert, son­dern, dass man in Mathe, Deutsch und Fremd­spra­che statt 2 Mal 5 Punk­te nur noch 1 Mal 5 Punk­te und 1 Mal 4 Punk­te braucht um zu bestehen. Oder hab ich was ver­passt?

  3. Jochen (der andere)

    Ich kann dem nur zustim­men, möch­te aber noch zwei Gedan­ken anfü­gen:

    Gera­de bei einer Spra­che als Schul­fach ist es abso­lut kon­tra­pro­duk­tiv, die­se in ihre Ein­zel­kom­pe­ten­zen zu zer­le­gen, um dann die­se bruch­stück­haf­ten Teil­wis­sens­be­rei­che iso­liert von­ein­an­der abzu­prü­fen. Spra­che ist immer ein Gesamt­kunst­werk, dass man zwar nach ver­schie­de­nen Kri­te­ri­en, letzt­lich aber als Gesamt­heit bewer­ten muss.
    Ent­schei­dend ist, dass ein nati­ve speaker einen gespro­che­nen und geschrie­be­nen Text ein­deu­tig ver­steht. Wenn also ein Schü­ler im LC Test Wör­ter falsch schreibt, ist sie die­ses Ver­ständ­nis beein­träch­tigt. Daher ist ein Punkt­ab­zug nicht nur mög­lich, son­dern gera­de­zu unver­meid­lich.

    Ich ärge­re mich auch schon seit lan­gem über die zuneh­mend sin­ken­den Anfor­de­run­gen an die Leis­tun­gen unse­rer Schü­ler in den Spra­chen, ins­be­son­de­re im Eng­li­schen. Letzt­lich dient das alles dazu, dass sich ein Kul­tus­mi­nis­ter vor die Öffent­lich­keit stel­len und ver­kün­den kann, dass G8 sei für die Schü­ler nicht schwe­rer zu bewäl­ti­gen als das G9 vor­her. Beweis: die (not­falls auch durch nach­träg­li­che Abmil­de­rung des Kor­rek­tur­schlüs­sels von oben, wie beim letz­ten Mathea­b­itur) min­des­tens gleich guten, wenn nicht gar bes­se­ren Abi­no­ten der Schü­ler.
    Da bleibt uns Eng­lisch­leh­rern nur, den päd­ago­gi­schen Frei­raum, den wir haben, nach Kräf­ten dazu zu nut­zen, unse­ren Schü­lern trotz alle­dem noch ein geschei­tes Eng­lisch bei­zu­brin­gen und sel­bi­ges auch in unse­ren Kur­sen abzu­for­dern. An mei­ner Schu­le (Gym­na­si­um Trost­berg) besteht jeden­falls kein Zwang, in Ober­stu­fen­tests aus­schließ­lich die neu­en Abitur­prü­fungs­for­men anzu­wen­den. Und wenn dann die Abi­no­te bes­ser als die Kurs­no­te ist, über­las­se ich getrost den Schü­lern das Urteil dar­über, ob das dies­jäh­ri­ge Eng­li­sch­ab­itur ihren wirk­li­chen Leis­tungs- und Kennt­nis­stand wider­spie­gelt.

  4. Susann

    Ich fin­de das Gan­ze inso­fern absurd, als die Recht­schrei­bung AUCH eine Visi­ten­kar­te ist – wir ver­brin­gen Jah­re damit, den Schü­lern zu sagen, dass der ers­te Ein­druck zählt, in ihren Bewer­bungs­schrei­ben und auch sonst wo – und dass rich­ti­ge Recht­schrei­bung zu einem guten ers­ten Ein­druck bei­trägt.
    Aber beim Abi ist das plötz­lich alles egal. Die Schü­ler sind ja nicht blöd, in der Regel sind die durch­aus in der Lage, zu ler­nen, wie man „edu­ca­ti­on“ schreibt. Aber ihnen zu ver­mit­teln, dass die Recht­schrei­bung eh egal ist, setzt einen fal­schen Anreiz. Abge­se­hen davon, dass der Punkt nun vom sub­jek­ti­ven Good will des Leh­rers abhängt („…koun­sil­la – Okay, kann mir vor­stel­len, was er meint, 1 BE.“) und nicht von einem objek­ti­ven Kri­te­ri­um (koun­sil­la =/= coun­sellor = 0 BE) – was ist mit der immer gefor­der­ten Objek­ti­vi­tät und Trans­pa­renz?

  5. Test­theo­re­tisch ver­ste­he ich den Gedan­ken bei der Tren­nung gut. Prak­tisch führt das dazu, dass noch weni­ger über­grei­fend gear­bei­tet wird. Was man in Deutsch in einer Pha­se gelernt hat, darf man danach gleich wie­der ver­ges­sen; in ande­ren Fächern spielt das ohne­hin kei­ne Rol­le. Trans­fer zwi­schen Fächern fin­det nicht statt, auch inner­halb von Fächern zu wenig.

  6. Philipp

    Ich gebe dir völ­lig recht, auch wenn ich die­se selt­sa­me Vor­ge­hens­wei­se beim HV sogar eher als klei­ne­res Pro­blem betrach­te. Das sind halt Prü­fun­gen, die nach irgend­wel­chen Tes­ting-Kri­te­ri­en erstellt sind. Was mich am Meis­ten stört, ist, dass die Fähig­keit fremd­spra­chi­ge Voka­beln zu WISSEN, kei­ne Kom­pe­tenz ist, son­dern halt irgend­wie still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt wird oder als not­wen­di­ges Übel betrach­tet wird???. Wör­ter­buch­ver­wen­dung und Umschrei­bungs­stra­te­gi­en sind aber sehr wohl Kom­pe­ten­zen. Das Pro­blem: Ohne Wör­ter­kennt­nis kei­ne Spra­che. Die­ser däm­li­che Hype mit den Kom­pe­ten­zen ist ein her­vor­ra­gen­des Bei­spiel, wie eine eigent­lich ganz gute Idee (natür­lich sol­len Ober­stu­fen­schü­ler ver­nünf­tig mit dem Wör­ter­buch umge­hen kön­nen) völ­lig über­zo­gen wird.

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