Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Angekündigter großer Unsinn

In einem Inter­view mit der in Bil­dungs­fra­gen unnach­ahm­lich ein­sei­ti­gen SZ (vom 7.5.2012) mein­te Kul­tus­mi­nis­ter Spa­en­le zum The­ma „päd­ago­gi­sche Refor­men“:

Wir haben den Gym­na­si­en emp­foh­len, von den „nicht-ange­kün­dig­ten klei­nen Leis­tungs­er­he­bun­gen“ abzu­se­hen und statt­des­sen ange­kün­dig­te klei­ne Leis­tungs­er­he­bun­gen durch­zu­füh­ren.

Wur­de aber auch höchs­te Zeit. Da mei­nen doch tat­säch­lich ewig­gest­ri­ge Leh­rer immer noch, man müss­te Ler­nen­de zu kon­ti­nu­ier­li­chem Ler­nen anhal­ten und das gin­ge halt nun mal am bes­ten, indem man immer mal wie­der einen nicht ange­kün­dig­ten klei­nen Test schreibt.

Außer­dem glaub­te viel­leicht so man­cher ver­stock­te Kol­le­ge, dass er – nach­dem er (in der Ober­stu­fe) in „gro­ßen Leis­tungs­er­he­bun­gen“ kein Wis­sen mehr abprü­fen darf, das halt in Zukunft in einer „klei­nen“ machen kann. Das gilt es zu ver­hin­dern!

Über­haupt waren die­se unan­ge­kün­dig­ten „Lern­ziel­kon­trol­len“ ein völ­lig anti­quier­tes Mit­tel der schwar­zen Päd­ago­gik. Allein schon die gefähr­li­chen gesund­heit­li­chen Fol­gen die­ses über­fall­ar­ti­gen „Bis auf Schreib­zeug alles weg­pa­cken“: Anstieg des Blut­drucks, Aus­schüt­tung von Stress­hor­mo­nen, bedenk­li­che Beschleu­ni­gung des Pul­ses mit den bekann­ten Fol­gen Stress, Über­for­de­rung, Moti­va­ti­ons­ver­lust, Depres­sio­nen und Bur­nout.

Der nächs­te Schritt muss natür­lich sein, dass eben­so unpäd­ago­gi­sche münd­li­che „Aus­fra­gen“ per „Emp­feh­lung“ abzu­schaf­fen. Hier bie­ten sich zwei Alter­na­ti­ven an: Der Schü­ler mel­det sich frei­wil­lig beim Leh­rer, wenn er geprüft wer­den will: „Herr Mül­ler, ich habe jetzt die 10 Wör­ter auf S. 183 gelernt und kann jetzt auch auf Eng­lisch sagen, dass M.L. King ein ‚gre­at man‘ war.“ Oder der Leh­rer kün­digt im Sin­ne der „freund­lich-för­dern­den Eva­lua­ti­on“ das „Gespräch“ (‚Prü­fung‘ klingt zu bru­tal) recht­zei­tig an: „Max, wenn es dir nichts aus­macht, wür­de ich in der nächs­ten Stun­de ger­ne mit dir über die 10 Wör­ter auf S. 183 spre­chen. Außer­dem wür­de ich noch ger­ne von dir wis­sen, ob M.L. King eine bedeu­ten­de Per­sön­lich­keit war.“

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  1. @Susann: Au ja, „ordent­li­che Begrün­dun­gen“ wären rich­tig gut, da hät­te ich eine lan­ge Lis­te von Din­gen, für die ich ger­ne eine ein­leuch­ten­de Erklä­rung hät­te …

    • Philipp

      Herr MR G. begrün­det nicht, Herr MR G. ver­fügt.

      • Marcus

        Doch, doch, er begrün­det schon, aller­dings wenig schlüssig(s.o.). Fach­di­dak­tisch ist das gan­ze KMS sowie­so nicht gera­de eine Meis­ter­leis­tung, zudem ken­ne ich kei­ne ande­ren Fächer am Gym­na­si­um, die so gegän­gelt wer­den wie die moder­nen Fremd­spra­chen, und das trotz (oder wegen??) des empi­risch durch­aus sehr erfolg­rei­chen Unterr­richts an baye­ri­schen Gym­na­si­en.

        • > und das trotz (oder wegen??) des empi­risch durch­aus sehr erfolg­rei­chen Unterr­richts an baye­ri­schen Gym­na­si­en.

          Das ärgert mich auch wahn­sin­nig. Unse­re Schü­ler sind seit Jahr­zehn­ten zumin­dest in Eng­lisch natio­nal und auch inter­na­tio­nal spit­ze. Das hängt viel­leicht auch ein klit­ze­klei­nes biss­chen mit unse­rem Untericht zusam­men. Dann braucht man uns nicht wie Dep­pen zu behan­deln!

        • Chris

          wer zu gut ist, den bestraft das KUMI –schon ver­ges­sen, wie Bay­ern im PISA Test abge­schnit­ten hat­te, bevor das G8 vom Zaun gebro­chen wur­de???

  2. Marcus

    Ich sehe die Pas­sa­ge „ori­en­tie­ren sich stark“ ehr­lich gesagt nicht ganz so dra­ma­tisch. Fach­be­treu­er sind schul­recht­lich nicht wei­sungs­be­fugt, und es sind eben gera­de nicht ande­re Prü­fungs­vor­ma­te aus­ge­schlos­sen, son­dern die Abitur­prü­fungs­for­ma­te sol­len m. E. deut­lich über­wie­gen. Genau dies ist auch sinn­voll und hat man in der alten Kol­leg­stu­fe auch so gemacht.

    Ande­re Pas­sa­gen des KMS ärgern mich da sehr viel mehr, zum Bei­spiel der obrig­keits­staat­li­che Ton, gepaart mit einer schon iro­nisch wir­ken­den Dank­sa­gung am Ende, oder aber das expli­zi­te Ver­bot von Rechen­schafts­ab­la­gen an der Tafel im Anfangs­un­ter­richt, noch dazu mit der eigen­ar­ti­gen Begrün­dung, dass die­se nicht mit einem kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Unter­richt ver­ein­bart sind.

    Mar­cus

    • > Fach­be­treu­er sind schul­recht­lich nicht wei­sungs­be­fugt

      Das ist rich­tig, aber hast DU Lust gegen die expli­zi­ten Vor­ga­ben des Fach­be­treu­ers zu ver­sto­ßen? Der reicht dei­ne Klau­sur ein­fach mit einem ent­spre­chen­den Ver­merk an die Schul­lei­tung wei­ter und die ist dann wei­sungs­be­fugt. Was ist damit gewon­nen?

    • Susann

      Echt jetzt, Rechen­schafts­ab­la­gen darf man im Anfangs­un­ter­richt nicht mehr an der Tafel machen? Ging völ­lig an mir vor­über, ups.

      • Hier der genaue Wort­laut:

        Nicht mit den Grund­prin­zi­pi­en des kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Unter­richts ver­ein­bar sind Rechen­schafts­ab­la­gen, die rein schrift­lich an der Tafel durch­ge­führt wer­den und/oder im Rah­men derer den Schü­le­rin­nen und Schü­lern ledig­lich deut­sche oder fremd­sprach­li­che Wör­ter zur unmit­tel­ba­ren Über­set­zung in die Fremd­spra­che bzw. ins Deut­sche gege­ben wer­den.“ (S. 5, 4. Absatz)

        Das fin­de ich aber schon in Ord­nung. Nur an die Tafel schrei­ben bzw. nur Wort­glei­chun­gen abprü­fen ist ein­fach zu wenig.

        • Philipp

          Es heißt „REIN schrift­lich“. Ihr wer­det eure Schü­ler ja beim Aus­fra­gen wohl spre­chen las­sen, oder? 😉 Ich fin­de, die­sen Pas­sus soll­te man kei­nes­falls als Ver­bot von Rechen­schafts­ab­la­gen inter­pre­tie­ren, auch nicht als eng­stir­ni­ger Fach­be­treu­er.

        • Susann

          Ich hät­te da ger­ne mal eine ordent­li­che Begrün­dung, die tat­säch­lich irgend­wel­che empi­ri­schen Hin­ter­grün­de hat. Ich habe nicht den Ein­druck, dass frü­he­re Schü­ler­ge­nera­tio­nen nach Rechen­schafts­ab­la­ge­fol­ter im Anfangs­un­ter­richt weni­ger gekonnt Eng­lisch spre­chen kon­nen als die jet­zi­ge.

  3. max

    Gro­ßer Unfug“ hat gegen­über jed­we­dem „Klei­nen Unfug“, sei er nun ange­kün­digt oder ex tem­po­re, immer­hin den Vor­zug der Grö­ße, ja Erha­ben­heit. (Vgl. „Com­ple­te Non­sen­se“ – voll­kom­me­ner Stuss ist defi­ni­tiv bes­ser als unvoll­kom­me­ner!)

    Zur Fort­bil­dung von Lehr­kräf­ten und Minis­ter emp­feh­le ich E. Lear’s „The Com­ple­te Non­sen­se Book“. http://archive.org/details/completenonsense00lear2

  4. chris

    Eini­ge Kol­le­gen, die aus Men­schen­lie­be mehr oder weni­ger dezen­te Hin­wei­se auf zu erwar­ten­de Exen gege­ben haben, sind von der Pra­xis wie­der abge­rückt, weil in den betref­fen­den Stun­den ein enor­mer „Kran­ken­stand“ zu ver­zeich­nen war. Bin schon gespannt, was das KUMI dage­gen tun will.

    • Nu, es gibt die Mög­lich­keit, bei ange­kün­dig­ten Leis­tungs­nach­wei­sen (Schul­auf­ga­be, Refe­rat, Test – nicht Ex, weil die per Defi­ni­ti­on unan­ge­kün­digt ist) ein Attest zu ver­lan­gen. Sonst 6. Das mögen die Eltern aber nicht beson­ders.

  5. Carsten

    Das ist wirk­lich unfass­bar! Sogar jemand, der nicht vom Leh­ren ver­steht, soll­te ein­se­hen, dass Spa­en­le hier gro­ben Unfug ver­brei­tet!

  6. max

    Was pas­siert mit den schwarz-päd­ago­gi­schen Scha­fen, die trotz gegen­tei­li­ger Emp­feh­lung am Extem­po­ra­le fest­hal­ten? Es wird span­nend.

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