Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium und ein bisschen Tango

Ich lerne Tango

… und zwar natür­lich den „rich­ti­gen“, argen­ti­ni­schen Tan­go und nicht das Gezap­pel, das man in der Tanz­schu­le lernt. Wel­che Gemein­sam­kei­ten gibt es zwi­schen Tan­go und einer Spra­che?

Tan­go ist eine SPRACHE – Tan­go tan­zen heißt, mit sei­nem Part­ner zu KOMMUNIZIEREN. In unse­ren Kur­sen und Work­shops ver­mit­teln wir die Basis des Tan­gos. Dies sind kei­ne star­ren Figu­ren zum Aus­wen­dig­ler­nen, son­dern kleins­te Grund­ele­men­te und die Struk­tur des Tan­gos. Mit Hil­fe von inten­si­ver Kör­per­ar­beit und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­übun­gen ist somit jeder in der Lage, von Beginn an zu impro­vi­sie­ren und eige­ne Aus­drucks­mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln. Kür­zer gesagt: Wir unter­rich­ten die VOKABELN und eine GRAMMATIK - die Geschich­ten müsst ihr euch beim Tan­zen selbst aus­den­ken. (Von der ehe­ma­li­gen Web­site einer Tan­go­schu­le)

Da ich die­se „Spra­che“ mög­lichst bald auf einem Tanz­abend (einer sog. Milon­ga) ANWENDEN möch­te, möch­te ich vor allem SCHNELL und EFFIZIENT ler­nen. Ich habe des­halb kei­ne Lust, Zeit damit zu ver­geu­den „induk­tiv“ her­aus­zu­fin­den, wie man z.B. einen „Ocho“ tanzt bzw. führt. Ich habe auch kei­ne Lust auf Rate­spiel­chen à la „Ich mache jetzt mal was vor und ihr ver­sucht raus­zu­krie­gen, was ich gemacht habe.“ Ich möch­te, dass mein Leh­rer (wenn er sich plötz­lich „Leh­ren­der“ nen­ne wür­de, fän­de ich das ziem­lich affig) die Figur ZEIGT und anschlie­ßend ver­ständ­lich ERKLÄRT. Danach möch­te ich aus­rei­chend Gele­gen­heit zum ÜBEN haben.

Natür­lich möch­te ich auch – in freund­li­chem Ton und falls nötig mehr­mals – KORRIGIERT wer­den. Es nutzt ja über­haupt nichts, wenn ich mit mei­ner eige­nen Part­ne­rin irgend­was zusam­men­wursch­te­le, was eine ande­re Frau nicht „ver­steht“. Damit die Ver­stän­di­gung spä­ter auch mit frem­den Part­ne­rin­nen klappt, muss ich eine Figur und die ent­spre­chen­de Füh­rung wirk­lich beherr­schen, falls ich das – man­gels aus­rei­chen­der Kor­rek­tur und Übung – nicht tue, tre­te ich mei­ner Part­ne­rin auf die Füße oder wir blei­ben sonst­wie „hän­gen“.

Natür­lich erwar­te ich, dass alle neu gelern­ten Figu­ren und Bewe­gun­gen STÄNDIG WIEDERHOLT wer­den. Auch Sachen, die schon ein biss­chen län­ger her sind, will ich wie­der­ho­len, denn sonst ver­ges­se ich sie bzw. brin­ge sie mit ande­ren Figu­ren durch­ein­an­der. Natür­lich sol­len die Figu­ren nicht immer in der sel­ben Rei­hen­fol­ge getanzt wer­den, ABWECHSLUNG ist ganz wich­tig.

Völ­lig absurd erscheint mir die Vor­stel­lung, mit mei­nem Leh­rer zu dis­ku­tie­ren oder „aus­zu­han­deln“ was und in wel­cher Rei­hen­fol­ge wir ler­nen. Er unter­rich­tet schon seit vie­len Jah­ren, hat (hof­fent­lich) vie­le Fort­bil­dun­gen besucht und ver­fügt über die ent­spre­chen­de Erfah­rung, wäh­rend ich über­haupt kei­ne Ahnung habe und mir nicht anma­ße ihm irgend­wel­che Tipps zu geben. Das hin­dert mich natür­lich nicht dar­an ihm ent­spre­chen­des Feed­back zu geben, wenn es mir zu lang­sam oder zu schnell geht oder er etwas schlecht erklärt.

Ziem­lich sau­er wäre ich, wenn er plötz­lich erklä­ren wür­de, er hät­te kei­ne Lust mehr her­kömm­lich „fron­tal“ zu unter­rich­ten, er möch­te sich lie­ber „zurück­zie­hen“ und nur noch „Lern­pro­zes­se initi­ie­ren“ und wir soll­ten doch bit­te „auto­nom“ (ger­ne auch in Grup­pen) eige­ne Figu­ren erfin­den. Wenig begeis­tert wäre ich auch, wenn plötz­lich („Ler­nen durch Leh­ren“) ande­re Kurs­teil­neh­mer, die genau­so schlecht sind wie ich, anfan­gen wür­den, mir etwas bei­brin­gen zu wol­len.

Zurück

Selbsteinschätzung

Nächster Beitrag

Handlungsorientierungskompetenz

  1. Frank

    Mei­ner Mei­nung nach hinkt der Ver­gleich doch ein wenig. Ein Tan­go wird erst zum Tan­go, wenn eine fes­te Schritt­fol­ge pas­send zu einem bestimm­ten Rhyth­mus ein­ge­hal­ten wird. So wie ein Wort erst zu einem Wort wird, wenn die einer bestimm­ten Spra­che zuge­hö­ri­gen Laute/Buchstaben in einer fes­ten Rei­hen­fol­ge hin­ter­ein­an­der ange­ord­net wer­den. Und selbst die kon­struk­ti­vis­ti­sche Päd­ago­gik erwar­tet nicht, dass dich die Ler­nen­den ihre Voka­beln nun selbst zusam­men bas­teln.

    Aller­dings steckt eine gewis­se Berech­ti­gung in der For­de­rung, den Kin­dern Raum und Moti­va­ti­on zum eige­nen, krea­tiv-ent­de­cken­den Umgang mit der Spra­che zu geben. Das hat sei­nen Platz eben auch in der gram­ma­ti­schen Regel­bil­dung und der Recht­schrei­bung – die Ver­ständ­lich­keit muss nur gewahrt blei­ben. Dass dies mög­lich ist, zei­gen mut­ter­sprach­li­che Kon­struk­te wie „c u“ und „skills 4 life“. Und wenn man dann bei der Meta­pher blei­ben will, sind wir doch schon lan­ge über die ein­fa­chen Schritt­fol­gen hin­aus bei den kom­ple­xen Figu­ren ange­langt – die ja im Tur­nier­tanz durch­aus auch krea­tiv abge­wan­delt wer­den.

    So gese­hen bin ich zwar kein Anhän­ger des Kon­struk­ti­vis­mus als sol­chem, aber er hat immer­hin alte reform­päd­ago­gi­sche Ansät­ze wie­der­be­lebt. Und mal ehr­lich, wer Spra­che ler­nen will wie den Tan­go aus dem Bei­spiel, der müss­te ja zur 50er-Jah­re-Didak­tik zurück­keh­ren und Buch­tex­te Wort für Wort aus­wen­dig ler­nen und nach­spre­chen.

    • > Ein Tan­go wird erst zum Tan­go, wenn eine fes­te Schritt­fol­ge pas­send zu einem bestimm­ten Rhyth­mus ein­ge­hal­ten wird.

      Nee, gera­de nicht. Was du beschreibst, ist der „nor­ma­le“ (Tanz­schul-) Tan­go. Der „rich­ti­ge“ (ursprüng­lich argen­ti­ni­sche) Tan­go ist von vor­ne bis hin­ten „impro­vi­siert“, d.h. es gibt KEINE fes­ten Schritt­fol­gen. Von daher passt der Ver­gleich m.E. doch ganz gut. 😉

      • Frank

        Aber wenn ich die Spra­che auf die Ursprün­ge zurück­füh­re, dann ist auch sie rei­ne Impro­vi­sa­ti­on (ich den­ke da an Wör­ter wie „to hoo­ver“ oder die gan­zen unre­gel­mä­ßi­gen Ver­ben) – trotz­dem hat sie durch die Ent­wick­lung eine fes­te, regel­haf­te Struk­tur ent­wi­ckelt, ohne deren Kennt­nis man die Spra­che eben nicht ver­ste­hen oder pro­du­zie­ren kann.
        Am Ende hink­te der Ver­gleich zwi­schen Eng­lisch und dem Tan­go ja mei­ner Mei­nung nach auch nicht auf­grund der feh­len­den Ver­gleich­bar­keit, son­dern weil im obi­gen Text völ­lig unter­schied­li­che Ler­ner­sta­di­en gleich­ge­setzt wur­den. So als wür­de ein Sport­leh­rer dafür plä­die­ren, 2.-Klässlern das Lau­fen in der glei­chen Klein­schrit­tig­keit und engen Füh­rung bei­zu­brin­gen wie das Schwim­men.

  2. Mein Ver­gleich ist der mit einem Cel­lo-ler­nen­den Kind. Das hat es mit sei­nen acht Jah­ren ein­fach noch nicht drauf, zu akzep­tie­ren, dass irgend­ei­ne Tech­nik nicht funk­tio­niert und jetzt geübt, geübt und noch­mal geübt wer­den muss – und das dann auch tut. Ich gedul­di­ger Esel kann das jetzt schon – aber weder ich noch mei­ne Toch­ter mit 8 Jah­ren!

    Schu­le ist natür­lich schon auch was ande­res, weil es eben nicht frei­wil­lig ist und die Ler­nen­den so gut wie kei­ne Ein­fluß­nah­me auf ihre Lern­be­din­gun­gen haben.

  3. > die wesent­lich höhe­re Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz und Lei­dens­fä­hig­keit […] des Erwach­se­nen

    Also, das sehe ich ganz anders. Wenn ich sehe, was z.B. mei­ne Kin­der in der Schu­le erdul­den (müs­sen), ist ihre Lei­dens­fä­hig­keit um ein Viel­fa­ches höher als mei­ne.

    Auch mei­ne Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz ist eher nied­rig. Ich bin z.B. mit dem Unter­richt in mei­nem bis­he­ri­gen Stu­dio nicht zufrie­den (es läuft näm­lich NICHT so, wie ich das oben beschrei­be), also wech­sel ich ein­fach das Stu­dio um einen bes­se­ren Unter­richt zu bekom­men. Das kön­nen Schü­ler nor­ma­ler­wei­se nicht 😉

  4. Stimmt, für das eige­nen Unter­rich­ten ist es sehr auf­schluss­reich, selbst Ler­nen­der zu sein.

    Ich ler­ne gera­de wie­der Kla­vier, wenn auch im Moment noch ohne Leh­rer, und stel­le fest, dass – zumin­dest bei mir – der ekla­tan­te Unter­schied zum kind­li­chen bzw jugend­li­chen Ler­nen die wesent­lich höhe­re Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz und Lei­dens­fä­hig­keit und Selbst­kri­tik des Erwach­se­nen ist. Wahr­schein­lich ein Aus­gleich für die ver­zö­ger­te Lern­ge­schwin­dig­keit durch bereits feh­len­de graue Zel­len. Nicht ver­ges­sen darf man natür­lich auch, dass ein Erwach­se­ner im all­ge­mei­nen nur das lernt, was er sich selbst aus­ge­sucht hat.

    Ob ich einem Leh­rer gegen­über so brav wäre, weiß ich aller­dings nicht. Aber was die Metho­den angeht, wür­de ich dir bei­pflich­ten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén