Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Heiteres Grammatikraten

Refe­ren­da­re tun mir oft rich­tig leid. Oft genug ler­nen sie Metho­den und Ver­fah­ren, die völ­lig unöko­no­misch und pra­xis­un­taug­lich und müs­sen ihren Semi­nar­leh­rern zulie­be Din­ge machen, von denen sie ganz genau wis­sen, dass sie das spä­ter nie wie­der so machen wer­den. Vor kur­zem frag­te mich ein Refe­ren­dar ganz ver­zwei­felt, ob ich ihm nicht hel­fen kön­ne. Er bekom­me Besuch vom Semi­nar­leh­rer und er müs­se in der Stun­de das pre­sent per­fect pro­gres­si­ve ein­füh­ren und zwar ers­tens streng induk­tiv und zwei­tens aus­schließ­lich in der Fremd­spra­che. Ich konn­te ihm nur den Tipp geben, die Stun­de wie gewünscht durch­zu­zie­hen und in der nächs­ten Stun­de (ohne Semi­ar­leh­rer) zu ver­su­chen, das Durch­ein­an­der in den Köp­fen der Schü­ler auf Deutsch ein biss­chen zu klä­ren.

Es ver­blüfft mich immer wie­der, wie vie­le Semi­nar­leh­rer immer noch um das gol­de­ne Kalb der induk­ti­ven Gram­ma­tik­ein­füh­rung her­um­tan­zen. Die gan­ze Theo­rie („Wis­sen muss kon­stru­iert wer­den“) mag ja durch­aus rich­tig sein, nur gibt es halt auch noch ein paar ande­re Kri­te­ri­en wie z.B. Unter­richts­öko­no­mie und Effi­zi­enz. Aller­or­ten wer­den Stun­den gestri­chen und die Leh­rer kla­gen zu Recht dar­über, dass sie in immer weni­ger Zeit immer bes­se­re Qua­li­tät pro­du­zie­ren sol­len. Auf der ande­ren Sei­te leis­ten sie sich völ­lig unre­flek­tiert extrem unöko­no­mi­sche Metho­den.

Induk­ti­ve Gram­ma­tik­ein­füh­rung ver­läuft meis­tens nach immer dem­sel­ben Mus­ter. Der Leh­rer schreibt irgend­ei­nen Satz an die Tafel (oder pro­je­ziert ihn) und gibt einen Impus in der Art von „What is unusu­al about this sen­tence?“, „What strikes you?“ usw. Die Schü­ler ken­nen das nun fol­gen­de Spiel­chen natür­lich und wis­sen, dass es jetzt zu erra­ten gilt, was der Leh­rer hören möch­te. Es beginnt ein mun­te­res „Wir sto­chern im Gramm­tik-Nebel“ Spiel, bei dem alle mög­li­chen Begrif­fe in den Raum geru­fen wer­den. Anhand ver­ba­ler und non-ver­ba­ler Signa­le (Leh­rer ver­zieht gequält das Gesicht) erken­nen die Schü­ler, ob sie auf der rich­ti­gen Fähr­te sind. Meis­tens sind sie es nicht, wes­halb der Leh­rer nun ver­sucht sie mit „Have a clo­ser look at …“ in die rich­ti­ge Rich­tung zu schub­sen. Falls auch das nichts hilft, wer­den die Fra­gen so lan­ge umfor­mu­liert, bis ein cle­ve­rer Schü­ler aus der Fra­ge einen Aus­sa­ge­satz macht und den Leh­rer aus sei­ner Not befreit. Das Stun­den­ziel ist erreicht, die Schü­ler haben sich die Regel selb­stän­dig „erar­bei­tet“, der Leh­rer fasst noch­mal kurz zusam­men und dann geht’s wei­ter.

In Wirk­lich­keit haben die meis­ten Schü­ler natür­lich über­haupt nichts ver­stan­den. Ver­ständ­li­cher­wei­se schal­ten die meis­ten sowie­so nach ein paar Minu­ten ab, was bringt es auch die­sem Durch­ein­an­der zuzu­hö­ren? Aktiv betei­li­gen am Gram­ma­tik­quiz kön­nen sich ja auch nur weni­ge, weil sie die eng­li­schen Fach­be­grif­fe gar nicht ken­nen. Genau die glei­chen Leh­rer, die ver­lan­gen, dass Gram­ma­tik induk­tiv und in der Fremd­spra­che ein­ge­führt wer­den muss, sind nor­ma­ler­wei­se strikt dage­gen, dass Schü­ler die eng­li­sche Fach­be­grif­fe „pau­ken“. Das ist ja schließ­lich nutz­lo­ses „dekla­ra­ti­ves“ Wis­sen und über­haupt machen wir ja kei­nen her­kömm­li­chen Gram­ma­tik­un­ter­richt. Gleich­zei­tig jam­mern die­se Leh­rer dar­über, dass die Schü­ler über­haupt kei­ne Gramm­tik beherr­schen und schon im Deut­schen nicht wis­sen, was ein Adverb, geschwei­ge denn ein kon­se­ku­ti­ver Neben­satz oder ein intran­si­ti­ves Verb ist. Fas­sen wir bis­her zusam­men: Die Schü­ler beherr­schen schon ele­men­ta­re deut­sche Gram­ma­tik nicht, sol­len die eng­li­sche Fach­be­grif­fe nicht ler­nen, sol­len sie dann aber prä­zi­se benut­zen kön­nen um unbe­kann­te Gram­ma­tik­phä­no­me­ne ana­ly­sie­ren und Regeln selb­stän­dig for­mu­lie­ren zu kön­nen.

Stei­gern kann man die­sen Quatsch noch, indem man von Refe­ren­da­ren ver­langt, Gram­ma­tik­phä­no­me­ne auf Eng­lisch ein­zu­füh­ren, die schon auf Deutsch kaum jemand ver­steht. Es gibt nun mal kein dem pre­sent per­fect pro­gres­si­ve ver­gleich­ba­res men­ta­les Kon­zept im Deut­schen. Es ist schon schwie­rig genug auf Deutsch eine Vor­stel­lung davon zu ver­mit­teln, was damit gemeint ist und wann man es ver­wen­det. Wenn man das unter o.a. Bedin­gun­gen auf Eng­lisch ver­sucht, kann man nur schei­tern.

Aber schei­tern tun ja nur die Schü­ler. Der Leh­rer hat ja sei­ner Mei­nung nach nichts falsch gemacht. Die Schü­ler haben sich die Regel wie gewünscht „erar­bei­tet“ und dann wird ein biss­chen geübt. Was kann der Leh­rer dafür, dass es in der Schul­auf­ga­be fast kei­ner rich­tig kann? Sol­len sie halt Nach­hil­fe neh­men …

Das soll natür­lich nun nicht hei­ßen, dass die induk­ti­ve Metho­de nichts taugt. Natür­lich kann ich „erar­bei­ten“ las­sen, dass im Eng­li­schen das Adverb durch Anhän­gen von -ly ans Adjek­tiv gebil­det wird. Und die Exper­ten dür­fen sich ger­ne strei­ten, ob das jetzt so viel bes­ser und nach­hal­ti­ger ist, als wenn ich den Schü­lern SAGE, dass im Eng­li­schen … Aber die Metho­de wird unsin­nig, wenn Schü­ler, die kei­nen blas­sen Schim­mer von Gram­ma­tik haben, anfan­gen, die paar Begrif­fe, die ihnen geläu­fig sind, wahl­los in den Raum zu wer­fen.

Und, ach ja, wenn ich möch­te, dass ich mich mit den Schü­lern in der Fremd­spra­che über Gram­ma­tik unter­hal­ten kann (und ich möch­te es), dann müs­sen sie halt auch die ent­spre­chen­den Begrif­fe beherr­schen. Ergo müs­sen mei­ne Schü­ler z.B. die Lis­te der Gram­ma­ti­cal Terms (in Eng­lish G Bd. 4 Bay­ern auf S. 168–169) aus­wen­dig ler­nen. Natür­lich nicht nur ein­mal, damit sie sie pro for­ma mal gelernt haben, son­dern damit wir immer mal wie­der z.B. am Stun­den­en­de Sät­ze beschrei­ben und ana­ly­sie­ren kön­nen.

Zu jung um die Anspie­lung im Betreff zu ver­ste­hen? Guckst du hier.

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Introvertierte Schüler

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Kollege 2.0

  1. EIn Englischlehrer

    > Dadurch schaf­fen es 95% aller SuS das Phä­no­men selbst zu erar­bei­ten.

    Das möch­te ich sehen…

  2. Sud92

    Hal­lo,
    also ich stu­die­re Lehr­amt (Französisch/Spanisch) und möch­te ein­mal mei­ne Mei­nung zu dei­nem Arti­kel bezüg­lich der Induk­ti­on sagen:
    so wie du die Induk­ti­on beschreibst, soll­te sie auf kei­nen Fall betrie­ben wer­den. Wir haben gelernt, dass die Induk­ti­on in Ein­zel- oder Part­ner­ar­beit durch­ge­führt wer­den soll­te. Dazu erhal­ten die SuS einen Text und eini­ge Auf­ga­ben dazu, die sie anlei­ten. Dadurch schaf­fen es 95% aller SuS das Phä­no­men selbst zu erar­bei­ten.
    Frei­lich bie­tet sich das nicht bei allen The­men an, abei bei vie­len The­men ist es mög­lich.

  3. Nordbär

    Moin­moin aus Bre­men,

    ein schö­ner Blog, vie­len Dank! Und ein lesens­wer­ter Arti­kel – ich stim­me voll zu. Im Stu­di­um las ich eine eben­so schö­ne Beschrei­bung in einem Buch von Grell und Grell – die Leh­rer geben kei­ne Hin­wei­se, die Schü­ler raten und raten, und ler­nen tut ansich kei­ner was.
    Schön, wie Du es aus­drückst: ansich kann man es den Schü­lern auch ein­fach SAGEN, was bei einer neu­en Kon­struk­ti­on zu ler­nen ist. Und dann übt man. Und gut! 🙂

    Vie­le Grü­ße

    Olaf

  4. rip

    Sehr schö­ner Ein­trag! Am gelun­gens­ten fin­de ich den drit­ten Absatz, in dem du beschreibst, wie eine „induk­ti­ve Gram­ma­tik­ein­füh­rung“ übli­cher­wei­se abläuft 🙂

  5. Claudia Boerger

    Ich stim­me mit dei­ner Mei­nung voll­kom­men uebe­r­ein, Jochen. Wis­sen­schaft­lich ges­tuetzt wird die­se Ein­schaet­zung ja auch durch Wolf­gang Butz­kamms Auf­satz „Mut­ter­spra­che als Sprach­mut­ter“, den du ja an ande­rer Stel­le in die­sem Blog eben­falls zitierst.
    Die­se (erzwun­ge­ne?) Her­um­ham­pe­lei der Refe­ren­da­re vor und bei den Semi­nar­lei­ter­be­su­chen geht mir als Beob­ach­te­rin auch zuneh­mend auf die Ner­ven – zumal man tatsaech­lich den Ein­druck gewinnt, dass es im Grun­de gar nicht mehr um die Ver­ste­hens­pro­zes­se der Schue­ler geht, son­dern allei­nig um den Refe­ren­dar, der bei der „Auf­fueh­rung Unter­richt“ gut aus­se­hen will und muss. Das ist ein uebler ego­zen­tri­scher Fokus in der Leh­rer­aus­bil­dung und ich fra­ge mich, wie leicht oder schwer man den danach auf­gibt, um die Schue­ler in den Mit­tel­punkt der Unter­richts­pla­nung zu stel­len.

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