Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium und ein bisschen Tango

Repetitio est mater successus

Im Fremd­spra­chen­un­ter­richt hat Üben lei­der schon seit län­germ einen schlech­ten Ruf. Ganz auto­ma­tisch asso­zi­ie­ren auch die meis­ten Leh­rer damit „mecha­nisch“, „stu­pi­der Drill“, „nicht moti­vie­rend“, „ver­al­tet“ etc. Des­we­gen wird ins­ge­samt ein­fach viel zu wenig geübt. Ver­hee­rend hat sich auch der Kon­tex­tua­li­sie­rungs­quatsch auf das Üben aus­ge­wirkt. Vie­le Leh­rer trau­en sich schon nicht mehr, ihre alten „nicht kon­tex­tua­li­sier­ten“ Übungs­blät­ter oder bewähr­te Übungs­bü­cher wie die Prac­tice Books (Ama­zon) zu ver­wen­den. Kon­tex­tua­li­sier­te Arbeits­blät­ter zu pro­du­zie­ren ist aber enorm zeit- und arbeits­auf­wän­dig, also wird es ein­fach nicht gemacht.

Im Sport ist es etwas ganz nor­ma­les, dass man stän­dig üben, trai­nie­ren und wie­der­ho­len muss. Selbst bei aus­trai­nier­ten Pro­fis ist es ganz selbst­ver­ständ­lich, dass sie jeden Tag meh­re­re Stun­den lang immer wie­der die­sel­ben Bewe­gun­gen üben. Üben hat nor­ma­ler­wei­se kei­nen nega­ti­ven Bei­geschmack von „stu­pi­de, mecha­nisch, lang­wei­lig“. Natür­lich macht z.B. Aus­dau­er- bzw. Kraft­trai­ning nicht immer Spaß, aber die Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit stän­di­gen Übens ist nor­ma­ler­wei­se vor­han­den. Wenn ich eine Bewe­gung län­ge­re Zeit nicht übe, wird sie schlech­ter, im Extrem­fall habe ich sie ganz ver­lernt und muss wie­der von vor­ne anfan­gen.

Am ein­drucks­volls­ten sehe ich das sel­ber immer wie­der beim Jon­glie­ren. Wäh­rend der Som­mer­fe­ri­en kann ich täg­lich üben und mir neue Tricks erar­bei­ten. Im Herbst habe ich kei­ne Zeit mehr für regel­mä­ßi­ges Üben mit der Fol­ge, dass die neu erar­bei­te­ten Tricks wie­der völ­lig „weg“ sind. Nicht nur, dass ich sie nicht mehr flüs­sig jon­glie­ren kann, ich kann sie über­haupt nicht mehr.

Auf­grund die­ser Erfah­run­gen habe ich über­haupt kein Pro­blem damit, dass mei­ne Schü­ler stän­dig etwas ver­ges­sen und wir per­ma­nent wie­der­ho­len und üben müs­sen. Egal, ob es sich um Laut­schrift, con­di­tio­nal sen­ten­ces oder Wort­schatz han­delt, wenn wir es nicht regel­mä­ßig wie­der­ho­len, ist das meis­te davon nach kur­zer Zeit wie­der weg. Im Stu­di­um haben wir alle mal von der Ver­ges­sens­kur­ve nach Ebbing­haus gehört, in der Pra­xis wird sie aber oft genug igno­riert. So wie es wenig Sinn macht, wenn mir jemand im Herbst vor­wirft, dass ich die Tricks, die ich im Som­mer gelernt habe, nicht mehr beherr­sche, macht es auch wenig Sinn, mei­nen Schü­lern in der 9ten vor­zu­wer­fen, dass sie die Laut­schrift, die sie (falls über­haupt) in der 5ten gelernt haben, schon längst wie­der ver­ges­sen haben. Ich spa­re mir die­sen frucht­lo­sen Dis­kus­sio­nen und übe in die­ser Zeit lie­ber.

Kein Fuss­bal­ler erwar­tet, dass das Tor­schuss­trai­ning dadurch „inter­es­san­ter“ und „moti­vie­ren­der“ wird, dass der Trai­ner z.B. Luft­bal­lons ans Tor hängt oder nach erfolg­rei­chem Tor­schuss Gum­mi­bär­chen ver­teilt. Vie­le Leh­rer haben aber ein schlech­tes Gewis­sen, wenn (z.B. bei „pat­tern drills“) ein­fach nur ohne zusätz­li­chen Schnick­schnack geübt wird. Oft kom­men sie schon mit einer defen­si­ven Ent­schul­di­gungs­hal­tung daher: „I know, con­di­tio­nal sen­ten­ces are rather boring …“. Die­se Hal­tung ist einem Trai­ner völ­lig fremd; er weiß, dass es ohne stän­di­ges Üben nicht geht und sieht des­halb kei­nen Grund sich dafür zu ent­schul­di­gen.

In engem Zusam­men­hang mit dem Üben steht die Effi­zi­enz des Unter­richts. Als Sport­leh­rer arbei­te ich stän­dig in dem Bewusst­sein, dass Zeit knapp und kost­bar ist. Ab der 7. Klas­se habe ich nor­ma­ler­wei­se nur noch eine lächer­li­che Dop­pel­stun­de pro Woche und bin mir bewusst, dass dies für immer mehr Kin­der die ein­zi­ge Bewe­gungs­zeit ist, weil sie die rest­li­che Zeit nur noch vor Fern­se­her, PC oder Video­kon­so­le hocken und immer dicker wer­den. Folg­lich bin ich stän­dig bestrebt die weni­ge Zeit mög­lichst inten­siv und effek­tiv zu nut­zen. Ent­spre­chend bin ich bemüht mei­ne lächer­li­chen drei Stun­den Eng­lisch, die ich z.B. in der 10ten habe, mög­lichst effek­tiv zu nut­zen. Alles muss flott und zügig gehen, es darf kei­nen Leer­lauf geben, die Schü­ler sol­len immer ganz genau wis­sen, was sie als nächs­tes machen sol­len.

Die­se Hal­tung erklärt wahr­schein­lich auch zum Teil mei­ne Abnei­gung gegen­über Arbeits­for­men wie Grup­pen­ar­beit, wo m.E. ange­sichts der auf­ge­wen­de­ten Zeit zu wenig „raus­kommt“. Fast immer kom­me ich zu dem Ergeb­nis, dass ich eine Auf­ga­be auch in Part­ner­ar­beit bear­bei­ten las­sen kann, dann spa­re ich mir schon mal den gan­zen Zeit­ver­lust durch Ein­tei­lung der Grup­pen, Ver­schie­ben von Tischen und Bän­ken und habe gleich­zei­tig eine viel höhe­re Inten­si­tät.

Als Sport­ler habe ich natür­lich auch zu Leis­tung ein unkom­pli­zier­tes Ver­hält­nis. Leis­tung macht Spaß, es ist toll, wenn man nach lan­gem Übung end­lich etwas kann. Wett­be­werb und der Wunsch bes­ser zu sein als ande­re, ist etwas ganz Nor­ma­les, wofür ich mich nicht zu ent­schul­di­gen brau­che. Gleich­zei­tig geht es im Sport nicht aus­schließ­lich gegen­ein­an­der, ohne Zusam­men­ar­beit wer­de ich gera­de in Mann­schafts­sport­ar­ten kei­nen Erfolg haben. Nie­der­la­gen (= schlech­te Noten) gehö­ren auch ein­fach dazu, kein Mensch kommt auf den Gedan­ken, dass eine Nie­der­la­ge im Fuss­ball die Betei­lig­ten „trau­ma­ti­siert“ und de-moti­viert. Im Nor­mal­fall gibt’s einen saf­ti­gen Anpfiff vom Trai­ner, es wird die nächs­ten Male (noch) dis­zi­pli­nier­ter trai­niert und alle stren­gen sich beim nächs­ten Spiel mehr an.

Als Sport­leh­rer erle­be ich es jeden Tag, dass jemand ent­we­der über­haupt kein Bewe­gungs­ta­lent hat, oder zumin­dest bestimm­te Bewe­gun­gen trotz hart­nä­cki­gen Übens ein­fach nicht hin­be­kommt. Ich erin­ne­re mich noch mit Grau­sen an einen Mathe­leh­rer, der mun­ter behaup­te­te „Jeder kann Mathe“. Was für ein Blöd­sinn! Natür­lich kann nicht jeder Mathe, Sport oder Eng­lisch. Also muss ich den Schü­lern, die nun mal kein Talent für Sprache(n) haben, mög­lichst kon­kre­te „How to …“ Gebrauchs­an­wei­sun­gen (wie z.B. die­se hier) an die Hand geben, an denen sie sich „ent­lang­han­geln“ kön­nen.

Anspie­lung in der Über­schrift: Das Ori­gi­nal lau­tet „Repe­ti­tio est mater stu­dio­rum“ (Wie­der­ho­lung ist die Mut­ter des Ler­nens = Übung macht den Meis­ter), „suc­ces­sus“ bedeu­tet „Erfolg“ bzw. hier Geni­tiv „des Erfolgs“.

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Wortschatzarbeit in der Oberstufe

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  1. Margit Wenger-Schott

    Lie­be Jochen Lüders,
    als ich heu­te – wie so so oft rein zufäl­lig – auf die­sen Blog gesto­ßen bin, wuss­te ich sofort, wer dahin­ter steckt, denn die Jochen Lüders Sei­te hat­te ich schon lan­ge ent­deckt und mir auch so man­chen Tipp zu Her­zen genom­men. Nun muß ich – als Franz-Sport-Leh­re­rin natü­lich ener­gisch gegen die Abqua­li­fi­zie­rung des Fran­zö­sisch­Leh­rers als sol­chen protestieren.…Meiner Erfah­rung nach hat es wenig mit dem jewei­li­gen Fach zu tun, ob ein Leh­rer Ein­zel­kämp­fer ist oder nicht.….aber viel­leicht soll­te man die­se Bemer­kung ja nicht so ernst neh­men.…. Es gab z. B. vor zwei oder drei Jah­ren eine sehr pro­duk­ti­ve Inter­net-Platt­form für F-Leh­rer in Bay­ern, die aber dann lei­der wegen recht­li­cher Beden­ken auf­ge­löst wur­de.…
    Habe seit weni­gen Tagen nun auch ein e-mail-account unter goog­le­mail und Ihren Blog sofort suscribed.…..vieles gilt ja für F-Unter­richt ganz gea­nu­so.…
    Außer­dem woll­te ich bei den lang­wei­li­gen frenchs­profs auch die Mög­lich­keit einer gemein­sa­men link-Samm­lung anre­gen, nach­dem mit einer mei­ner Söh­ne vor­ges­tern von del.icio.us erzählt hat.….klingt echt prak­tisch, das schrei­ben Sie ja auch!
    A bien­tôt

  2. Hi Jochen – ich bin kein Sport­leh­rer, fand mich aber eben­falls in vie­lem wie­der. Und ich war freu­dig über­rascht, wie „klä­rend“ und „augen­öff­nend“ man­che Par­al­le­len zum Sport sind.

  3. Hal­lo Jochen,
    eine sehr zutref­fen­de Abhand­lung zum The­ma. Als Sport­ler und „Eng­län­der“ kann ich nur zustim­men und fin­de dei­nen Ver­gleich sehr erfri­schend. Ich kann mich zum gro­ßen Teil in dei­nen Gedan­ken wie­der­fin­den.
    Dan­ke für den tol­len Bei­trag.
    Kai

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