Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

[Tango] Practica y nada más? – Hier irrt Riedl.

Seit Jah­ren behaup­tet Ger­hard Riedl uner­müd­lich, dass man eigent­lich gar kei­nen Tan­go-Unter­richt braucht, weil man durch Prac­ti­cas „weit­aus schnel­ler zum Ziel kommt.“ Was ist von die­ser Behaup­tung zu hal­ten?

In die­ser undif­fe­ren­zier­ten Schlicht­heit ist sie m.E. schlicht­weg Unsinn.

Zunächst ein­mal muss man klä­ren, was für eine Art von „ler­nen“ man eigent­lich meint. Einer mei­ner Haupt­kri­tik­punk­te am übli­chen Tan­go-Unter­richt ist ja, dass die Stun­den viel zu voll­ge­packt sind und viel zu wenig Zeit fürs Üben, Auto­ma­ti­sie­ren und „Ins-eige­ne-Reper­toire-ein­bau­en“ bleibt. Also kann ich auf einer Prac­ti­ca ein­fach durch Üben und Wie­der­ho­len ler­nen und „zu einem Ziel“ kom­men (näm­lich z.B. eine bestimm­te Figur / Schritt­fol­ge flüs­sig zu tan­zen).

Außer­dem kann man auf einer Prac­ti­ca nor­ma­ler­wei­se viel mehr als auf einer Milon­ga ler­nen, weil man Sachen aus­pro­bie­ren kann und als Mann / Füh­ren­der nicht dem „Wohlfühl“-Gebot („Mach nichts, was den Tanz­fluss und den Genuss der Frau stö­ren könn­te“) unter­liegt. Auf Milon­ga geht man als Mann (vor allem als Anfän­ger) sinn­vol­ler­wei­se auf Num­mer Sicher und tanzt nur Sachen, die man beherrscht und ris­kiert nor­ma­ler­wei­se nichts. Aus die­sem Grund ist / war für mich immer der effek­tivs­te Unter­richt der­je­ni­ge, bei dem man gleich danach auf einer Prac­ti­ca die Gele­gen­heit hat­te, das Gelern­te zu üben und ggf. neue Ein- bzw. Aus­gän­ge aus­zu­pro­bie­ren.

Gedul­di­ges Üben und Wie­der­ho­len führt aber bekannt­lich auch nicht immer auto­ma­tisch zum Ziel. Wohl jeder hat schon mal die Erfah­rung gemacht, dass eine Figur nicht rich­tig flüs­sig klappt und es irgend­wo „hakt“, obwohl man sub­jek­tiv alles rich­tig macht. Ein­fach das sel­be immer wie­der zu pro­bie­ren bringt in die­sem Fall über­haupt nichts, denn dadurch ver­fes­ti­gen sich Feh­ler nur noch. In so einer Situa­ti­on kann nur das geüb­te Auge bzw. das gute Gespür eines erfah­re­nen Leh­rers wei­ter­hel­fen, der erkennt, wor­an es wirk­lich hapert.

Riedl meint aber nicht die­ses Üben und Aus­pro­bie­ren, son­dern behaup­tet hart­nä­ckig, dass man allei­ne durch Abschau­en und Aus­tausch auf Prac­ti­cas neue, auch anspruchsvolle(re) Figu­ren / Schritt­fol­gen ler­nen und des­halb auf Unter­richt ver­zich­ten könn­te. Natür­lich ist auch dies mög­lich, nur müs­sen dafür ein paar Bedin­gun­gen erfüllt sein.

Zum einen funk­tio­niert das Gan­ze nur auf einem ziem­lich fort­ge­schrit­te­nem Niveau. Wer als Anfän­ger noch mit den Grund­la­gen (wie Hal­tung, Ach­se, Gleich­ge­wicht etc.) zu kämp­fen hat, wird kaum von einer Prac­ti­ca pro­fi­tie­ren. In sei­ner didak­ti­schen Ahnungs­lo­sig­keit igno­riert Riedl dar­über­hin­aus die Tat­sa­che, dass es ver­schie­de­ne Lern­ty­pen gibt. Es gibt z.B. stark visu­ell gepräg­te Men­schen, die fast aus­schließ­lich über das Sehen / Zuschau­en ler­nen und mit Bewe­gungs­er­klä­run­gen wenig bzw. nichts anfan­gen kön­nen. Auf der ande­ren Sei­te gibt es Ler­ner, die erst eine prä­zi­se (ver­bal ver­mit­tel­te) Bewe­gungs­vor­stel­lung brau­chen bevor sie eine Bewe­gung erfolg­reich aus­füh­ren kön­nen. Und dann gibt es noch Men­schen, die am bes­ten kin­äs­the­tisch, also durch Füh­len und Spü­ren, ler­nen. Sie ler­nen am bes­ten, wenn man mit ihnen tanzt und sie spü­ren kön­nen, wie sich etwas anfüh­len soll­te. Zu den „tra­di­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen des Tanz­un­ter­richts“ gehört des­halb, dass ein guter Leh­rer die ver­schie­de­nen Lern­ty­pen mög­lichst opti­mal „bedie­nen“ und för­dern soll­te.

Am leich­tes­ten tun sich bei die­sem Prac­ti­ca-Ler­nen natür­lich visu­ell ori­en­tier­te Men­schen. Und ja doch, natür­lich gibt es Natur­ta­len­te, die eine Bewe­gung nur ein paar Mal sehen brau­chen und sie per­fekt imi­tie­ren kön­nen. Aber das sind halt lei­der Aus­nah­men. Die meis­ten Leu­te brau­chen eine wohl­do­sier­te Mischung aus Demons­tra­ti­on, (knap­per) Erklä­rung und Spü­ren. Und da wird’s schwie­rig, denn die wenigs­ten Tän­zer wis­sen eigent­lich, was genau sie machen, sie machen es auf­grund jah­re­lan­ger Wie­der­ho­lung ein­fach, kön­nen es aber nicht (prä­zi­se) ver­ba­li­sie­ren.

Noch kom­pli­zier­ter wird es, wenn man z.B. als Mann einer Frau eine neue Figur bei­brin­gen möch­te. Dazu müss­te man wis­sen, was die Frau eigent­lich genau macht. Das wis­sen in der Regel nur die aller­we­nigs­ten Män­ner, im Nor­mal­fall nur die, die regel­mä­ßig bei­de Rol­len tan­zen und die betref­fen­de Figur auch als Frau beherr­schen. Ich kann zwar als Mann spü­ren, dass sich z.B. eine Vol­ca­da nicht „rich­tig“ anfühlt, des­we­gen weiß ich aber noch lan­ge nicht, was die Frau anders / bes­ser machen soll­te. In der ande­ren Rich­tung (Frau möch­te Mann was Neu­es bei­brin­gen) klappt es in der Regel noch schlech­ter, denn Frau­en brau­chen sich nor­ma­ler­wei­se ja nicht um Füh­rung zu küm­mern (außer sie tan­zen wie­der bei­de Rol­len) und haben des­halb kei­ne Ahnung was der Mann also eigent­lich machen soll.

Fazit: Prac­ti­cas sind eine wert­vol­le Ergän­zung zum Unter­richt, kön­nen ihn aber nicht erset­zen.

Nach­trag: Voll­ends absurd wird Riedls Plä­doy­er für Prac­ti­cas, wenn er gleich im nächs­ten Blog­bei­trag den Unter­richt sei­nes „Tango­freund“ Egon Wen­de­roth emp­fiehlt. Der war „Stu­di­en­di­rek­tor für Sport“, also noch eine (Beförderungs-)Stufe über dem Ober­stu­di­en­rat Lüders. Um Stu­di­en­di­rek­tor zu wer­den, muss man nor­ma­ler­wei­se „Semi­nar­leh­rer“ sein und Stu­di­en­re­fe­ren­da­re aus­bil­den. Das kann man nicht nach Gut­dün­ken machen, son­dern muss sich ziem­lich eng an die „tra­di­tio­nel­len“ Vor­ga­ben des Lehr­plans und der fach­di­dak­ti­schen Sys­te­ma­tik hal­ten.

Ent­spre­chend sys­te­ma­tisch ist offen­bar auch sein Unter­richt, denn er hat die „die Bewe­gun­gen der spe­zi­fi­schen Tan­go­ele­men­te ein­schließ­lich ihrer Füh­rung ana­ly­siert und sie im Detail zu beschrie­ben, damit sie für jeder­mann erlern­bar wer­den.“ Außer­dem hielt er es für wich­tig „die end­lo­sen Schritt­mög­lich­kei­ten des Tan­go Argen­ti­no zu sys­te­ma­ti­sie­ren.“ Auch das Gesamt­kon­zept über­zeugt: „Den Lehr­plan hat Egon Wen­de­roth nach sei­nem metho­disch-didak­ti­schen Unter­richts­kon­zept auf­ge­baut, bei dem von der ers­ten Stun­de an nach und nach par­al­lel zum Erler­nen der wesent­li­chen Tan­go­ele­men­te die Struk­tur des Tan­zes ver­mit­telt wird. Die ein­zel­nen Ele­men­te wer­den unmit­tel­bar in den Tanz­fluss inte­griert.“ Ana­ly­se, prä­zi­se Beschrei­bung, metho­disch-didak­ti­sche Sys­te­ma­tik – das ist genau das, was ich in mei­nem Tan­go­dan­za-Arti­kel for­de­re und das genaue Gegen­teil von dem, was häu­fig als „Unter­richt“ gebo­ten wird und Licht­jah­re ent­fernt von dem unsys­te­ma­ti­schen Gemurk­se Riedl­scher Prac­ti­cas.

Anspie­lung in der Über­schrift …

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Gib dem Schüler keinen Zucker

  1. Lie­ber Klaus Wen­del,

    wenn es für mich nicht abso­lut lebens­ret­tend ist, ver­tei­le ich kei­ne Ohr­fei­gen, son­dern ver­su­che, mit Argu­men­ten zu über­zeu­gen.
    Also, in mei­nem Buch steht nir­gends, dass man allein dadurch das Tan­zen ler­ne. Aber viel­leicht hat es eini­gen Lesern bei der Ent­schei­dung gehol­fen, was sie im Tan­go ler­nen möch­ten (Didak­tik) und wie (Metho­dik). Selbst­ver­ständ­lich braucht man dazu Men­schen, die es schon bes­ser kön­nen – ob man die nun „Tan­go­leh­rer“, „sehr erfah­re­ne Tän­zer“ oder ähn­lich nennt. Und ja, ich hal­te die ver­brei­te­ten Unter­richts­for­men (Kur­se mit rela­tiv vie­len Teil­neh­mern) für wenig effek­tiv und plä­die­re daher für ande­re Unter­richts­for­men.
    Ich benüt­ze ger­ne die Gele­gen­heit, einen aus­ge­wie­se­nen Tan­go­ex­per­ten zu fra­gen: Wie hat man eigent­lich in den ers­ten Jahr­zehn­ten (sagen wir bis 1960) am Rio de la Pla­ta Tan­go gelernt? Gab es da schon Tan­go­schu­len und Kur­se der heu­te übli­chen Art? Und wie effek­tiv war das Ler­nen damals?
    Und noch eins: Wer weni­ger als 10 You­tube-Lehr­vi­de­os zum Tan­go ver­öf­fent­licht hat, ist bei mir gefeit dage­gen, dass ich das „Kali­ber“ sei­nes Tanz­ver­mö­gens beur­tei­le. Ich wäre dank­bar dafür, wenn dies auch für mich sel­ber gäl­te.

    Bes­te Grü­ße
    Ger­hard Riedl

  2. Lie­ber Jochen,
    das kann ich ALLES bestä­ti­gen. Wenn ich beden­ke, wie vie­le „schwe­re Fäl­le“ heu­te tan­zen wür­de, die ich mit viel Geduld, Hart­nä­ckig­keit, Ein­füh­lung und Moti­va­ti­on zu guten Tän­zern „beein­flusst“ habe, erscheint mir die Theo­rie von G.R. wie eine Ohr­fei­ge. Die­ser Mann irrt nicht nur, son­dern scha­det auch. Dabei wider­spricht sei­ne The­se auch noch den eige­nen Unter­richts­an­wei­sung in sei­nem Buch: als wenn irgend­je­mand durch sei­ne Anwei­sun­gen Tan­go ler­nen könn­te. Wenn ich mir den Beginn des Tan­go-Revi­vals Anfang der 80er Jah­re ohne Unter­richt vor­stel­le, wären sehr wahr­schein­lich sehr viel mehr „Tän­zer“ vom Kali­ber G.R. dabei her­aus­ge­kom­men. Wie stellt er sich die Ent­wick­lung der Tang­o­sze­ne in Deutsch­land vor ohne Leh­rer und Tan­go­schu­len? Sind die gan­zen Tän­zer, Leh­rer, die ich aus­ge­bil­det habe vom Him­mel gefal­len?

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