Vor kur­zem hat Tho­mas Krö­ter den Ber­li­ner Neo-DJ Jens Stul­ler inter­viewt. Da Jens immer mal wie­der auch in Mün­chen auf­legt, ken­ne ich ihn und sei­ne Musik per­sön­lich. Beim Lesen des Inter­views habe ich mich gefragt, was ich wohl auf Tho­mas Fra­gen geant­wor­tet hät­te. Hier also auf der Basis von Tho­mas Fra­gen (eini­ge habe ich leicht abge­än­dert und ein paar ergänzt) ein fik­ti­ves Inter­view mit mir selbst. Um das Fol­gen­de zu ver­ste­hen, soll­test du erst das Inter­view mit Jens lesen, sonst ver­stehst du vie­les nicht.

Was ist für dich Neotan­go?

Ich kann mit Jens Defi­ni­ti­on gut leben, obwohl sie stark in Rich­tung Elec­tro geht. Aber trotz­dem ist der Begriff sehr schwam­mig. Was ist z.B. mit moder­nen Grup­pen wie Roman­ti­ca Milongue­ra die „alte“ Titel „covern“ (die nega­ti­ve Sicht) bzw. neu inter­pre­tie­ren (die posi­ti­ve Sicht)? Ist das jetzt „Neo“ oder „neo-tra­di­tio­na­lis­tisch“? Falls nicht, was sonst? Für vie­le ist ja auch Piaz­zol­la & Co „Neo“. Da stim­me ich wie­der mit Jens über­ein, dass wir für die­se Musik (und NUR für die­se) wei­ter­hin den eta­blier­ten Begriff „Tan­go Nue­vo“ ver­wen­den soll­ten.

Elio Astor, der inter­na­tio­nal wohl bekann­tes­te DJ der Neo-Sze­ne, fasst den Begriff erheb­lich wei­ter. Er ver­steht unter Neotan­go alle zeit­ge­nös­si­sche Musik, auf die sich in klas­si­scher Tan­go-Umar­mung tan­zen lässt.

Das ist prin­zi­pi­ell auch mein Ansatz. Wenn man sich eine typi­sche Play­list von mir anschaut, erkennt man das brei­te Spek­trum an Musik, die ich spie­le.

Die Anhän­ger des klas­si­schen Tan­go sagen: Nur Tan­go ist Tan­go.

Zunächst ein­mal mag ich in die­sem Zusam­men­hang das Adjek­tiv „klas­sisch“ nicht beson­ders. Da soll man wohl gleich klas­si­sche Musik (Bach, Mozart, Beet­ho­ven) und Hoch­kul­tur asso­zi­ie­ren. Ich bevor­zu­ge wei­ter­hin „tra­di­tio­nel­ler“ Tan­go. Aber zurück zu dei­ner Fra­ge: Die­se Behaup­tung ist schlicht­weg falsch. Selbst in der „gol­de­nen Epo­che“ war es völ­lig nor­mal, dass auf einer Milon­ga „otros rit­mos“, also ande­re Rhyth­men / Musik wie Cum­bia, Sal­sa oder Swing gespielt wur­den. Bis 2006 gab es in Bue­nos Aires sogar ein Gesetz, das ande­re Musik expli­zit ver­langt hat. Ein paar Tra­di-Fun­dis erfin­den ein­fach Din­ge, um ihre Ver­si­on des „wah­ren“ Tan­gos zu pro­pa­gie­ren (und erstaun­lich vie­le Leu­te glau­ben ihnen).

Wie bist Du zum Tan­go gekom­men?

Ich habe sehr spät, erst vor etwas mehr als zehn Jah­ren mit Tan­go ange­fan­gen. Vor­her war es mir nie in den Sinn gekom­men zu die­ser lang­wei­li­gen Musik zu tan­zen. Es war eher ein glück­li­cher Zufall, näm­lich eine wun­der­ba­re Open-Air Milon­ga unter Kas­ta­ni­en, die damals noch regel­mä­ßig auf der Pra­ter­in­sel an der Isar statt­ge­fun­den hat. Aber ich weiß noch gut, wie oft ich gera­de im ers­ten Jahr kurz davor stand alles hin­zu­wer­fen. Die Musik spiel­te dabei zwar nicht die ein­zi­ge, aber doch die wich­tigs­te Rol­le (schlech­ter Unter­richt kam u.a. auch noch dazu).

Ich kom­me ja eigent­lich vom inter­na­tio­na­len Folk­lo­re-Tanz. Ich habe zwar auch mal Standard/Latein bis Gold­star gemacht, aber das war nie so meins, allein schon, weil ich die­sen typi­schen Tanz­or­ches­ter-Sound nicht lei­den kann. In der inter­na­tio­na­len Folk­lo­re (mein Schwer­punkt war Isra­el und Bal­kan) hat man eine unglaub­li­che Viel­falt an Klän­gen und Stim­mun­gen (daher kommt auch mei­ne Lie­be zur „Welt­mu­sik“, die ich in mei­nen Milon­gas ziem­lich häu­fig spie­le). Gera­de im israe­li­schen Tanz hat man das gan­ze emo­tio­na­le Spek­trum von trau­rig / melan­cho­lisch bis hin zu schnell / ener­gie­ge­la­den. Es gibt auch vie­le schö­ne Paar­tän­ze, aber die sind halt alle cho­reo­gra­phiert und die Frau tanzt „ihre“ Schrit­te, egal ob der Mann die jetzt „geführt“ hat oder nicht. Das fand ich immer ziem­lich frus­trie­rend und des­we­gen hat mich der Tan­go so fas­zi­niert.

Wel­che Rol­le spielt „Impro­vi­sa­ti­on“ für dich?

Impro­vi­sa­ti­on“ ist ja eines der wich­tigs­ten „Allein­stel­lungs­merk­ma­le“ bzw. „Ver­kaufs­ar­gu­men­te“ des Tan­go. In der Rea­li­tät ist es damit aber nicht weit her, die meis­ten Leu­te wären scho­ckiert, wenn man sie mal fil­men und anschlie­ßend ana­ly­sie­ren wür­de, was sie da eigent­lich tan­zen. Ich wür­de mal schät­zen, dass man bei min­des­tens 90% aller Tän­zer die Schritt­kom­bi­na­tio­nen bzw. Figu­ren an zwei Hän­den abzäh­len kann. Hard­core-Tra­dis erklä­ren die Reduk­ti­on von Figu­ren ja sogar zum Pro­gramm, da sind es noch weni­ger. Jetzt kann man es natür­lich bereits „impro­vi­sie­ren“ nen­nen, wenn man sei­ne paar Figu­ren nicht immer in der glei­chen Rei­hen­fol­ge tanzt. Mit ech­ter Impro­vi­sa­ti­on hat das aber natür­lich nichts zu tun.

Wenn ich spon­tan etwas Neu­es aus­pro­bie­ren möch­te, ist die Wahr­schein­lich­keit, dass es nicht klappt, ziem­lich hoch. Das beißt sich mit der Eti­quet­te, die von mir als Füh­ren­dem ver­langt, dass sich die Frau „wohl­füh­len“ soll, damit sie den Tanz „genie­ßen“ kann. Die Fol­ge die­ses Gebo­tes ist, dass die meis­ten Män­ner sinn­vol­ler­wei­se nur die Sachen tan­zen, die sie abso­lut sicher beherr­schen, das ist meis­tens nur ein rela­tiv klei­nes Reper­toire, da bleibt kein Raum mehr für „ris­kan­te“ Impro­vi­sa­tio­nen.

Das „Wohlfühl“-GEbot und das „Unterrichts“-VERbot auf Milon­gas (die bei­de selbst­ver­ständ­lich ihre Berech­ti­gung haben) ver­hin­dern auch, dass Leu­te bes­ser wer­den. Kaum eine Frau kann zum Bei­spiel auf Anhieb eine NICHT-ver­dop­pel­te Moli­net­te tan­zen (aus mir uner­find­li­chen Grün­den wird sie fast immer ver­dop­pelt unter­rich­tet / gelernt). Zwei kur­ze Sät­ze zur Erklä­rung und ein biss­chen Üben wür­den bei guten Tän­ze­rin­nen schon genü­gen um die­se Varia­ti­on tan­zen zu kön­nen (und damit viel mehr rhyth­mi­sche Mög­lich­kei­ten zu bekom­men), aber das ist halt bäääh.

Ein ande­res Bei­spiel ist das Kreuz zur „ande­ren“ Sei­te, also vom Mann aus nach rechts und von der Frau nach links. Ist jetzt auch nicht sooo schwer, aber wenn eine Frau es noch nie getanzt hat, wird es wahr­schein­lich auch nicht gleich auf Anhieb klap­pen.

Wie­der eine ande­re Vor­stel­lung von „Impro­vi­sa­ti­on“ ist, dass der Mann (fast) gar nichts macht / führt, son­dern ein­fach schaut, was die Frau macht und sich ihr „anpasst“. Da pas­sie­ren dann sicher vie­le unge­plan­te, spon­ta­ne Sachen, aber das ent­spricht über­haupt nicht mei­ner Vor­stel­lung von „schö­nem“ Tan­zen und „Kom­mu­ni­ka­ti­on im Paar“.

Was hältst du von der Dis­kus­si­on um den „umar­mungs- vs. bewe­gungs­fo­kus­sier­ten“ Tan­go?

Das ist eine die­ser bizar­ren Tra­di-Dis­kus­sio­nen (so wie auch das end­lo­se Gedöns um Mira­da, Cabe­ceo und die gan­zen ande­ren Códi­gos), die ich amü­siert ver­fol­ge. Was soll das für ein blö­der Gegen­satz sein? Ich tan­ze „Poema“ doch anders als z.B. „Per­ro Vie­jo“. Die Art der Umar­mung (eng, mit­tel, offen) und die Dyna­mik der Bewe­gun­gen hängt doch unmit­tel­bar von der Art der Musik ab. Nur wenn es kaum mehr Unter­schie­de in der Dyna­mik gibt und alles nur noch eine Ein­heits-EdO-Sau­ce ist, dann ist es eh schon wurscht und man tanzt alles in der glei­chen Hal­tung / Umar­mung.

Und wie bist du zum Neotan­go gekom­men?

Zum einen natür­lich die Musik, zum ande­ren aber auch der freie­re und krea­ti­ve­re Tanz­stil. Den der­zeit so belieb­ten, extrem redu­zier­ten, „neo-vik­to­ria­ni­schen“ Tra­di-Tanz­stil fin­de ich ein­fach ster­bens­lang­wei­lig, mir ist völ­lig schlei­er­haft, wie man sich stun­den­lang ger­ne so bewe­gen kann.

Gött­in­sei­dank gab es vor rund zehn Jah­ren in Mün­chen noch meh­re­re (musi­ka­lisch) „gemisch­te“ Milon­gas und auch noch mehr Neo­lon­gas. Inzwi­schen ist ja auch Mün­chen lei­der eine Tra­di-Wüs­te. Wenn ich heu­te mit Tan­go anfan­gen wür­de, wür­de ich nach spä­tes­tens einem hal­ben Jahr wie­der auf­hö­ren.

Hast du eine Erklä­rung für die­se Ent­wick­lung?

Nein, nicht wirk­lich. Bis heu­te ist mir völ­lig unver­ständ­lich, war­um sich die Tan­go-Sze­ne der­art zer­split­tert hat und die ver­schie­de­nen Lager sich z.T. bis aufs Mes­ser bekämp­fen. Bei Ger­hard Riedl kann man nach­le­sen, wie die Ent­wick­lung in Mün­chen gelau­fen ist und wie sich eine ver­bohr­te, into­le­ran­te Ideo­lo­gie weit­ge­hend durch­ge­setzt hat.

Umso erstaun­li­cher ist das Gan­ze, weil ich kaum jemand ken­ne, der die typi­sche EdO-Musik wirk­lich „schön“ fin­det. Kaum jemand käme auf die Idee sich die­se Muse­ums-Musik frei­wil­lig zu Hau­se oder im Auto anzu­hö­ren. Nach mei­nem Ein­druck neh­men vie­le / die meis­ten (?) Leu­te die Musik halt resi­gniert in Kauf, weil es kei­ne Alter­na­ti­ven (mehr) gibt, sie den Tanz und die damit ver­bun­de­ne Nähe aber so mögen. Eine Tan­gue­ra hat mir mal erzählt, dass sie die Musik so weit wie mög­lich aus­blen­det (es sei eh immer das sel­be Gedu­del) und sich auf die Umar­mung und das schö­ne Gefühl der kör­per­li­chen Nähe kon­zen­triert. Mir ist völ­lig schlei­er­haft wie man sich stun­den­lang zu immer dem sel­ben „sque­aky scratchy sound of shel­lacs“ (= quiet­schen­der / jau­len­der, ver­kratz­ter Klang von Schell­lack-Plat­ten) bewe­gen und dabei Spaß haben kann (ok, Spaß schei­nen – wenn man sich die Gesich­ter anschaut – die aller­we­nigs­ten zu haben). Bei ande­ren Tanz­rich­tun­gen geht es mir aber genau­so, am schlimms­ten fin­de ich in die­ser Hin­sicht Sal­sa. Eigent­lich mag ich die vie­len Dre­hun­gen und das Gewursch­tel mit den Armen, aber typi­sche Sal­sa-Musik ertra­ge ich max. 20 Minu­ten.

Inter­es­sant sind ja auch die psy­cho­lo­gi­schen Aspek­te die­ser musi­ka­li­schen „Nost­al­gie“. Tomás Kohl ver­mu­tet z.B.: „… that some peop­le want to ment­al­ly tra­vel back in time and that tan­go gives them this esca­pist oppor­tu­ni­ty.“ Aber das wäre ein eige­nes Inter­view …

Die Neo-Sze­ne hat aber natür­lich auch Mit­schuld an den gegen­wär­ti­gen Zustän­den. So wur­de frü­her z.B. Elec­tro-Tan­go m.E. viel zu häu­fig gespielt. Ich weiß noch, dass ich am liebs­ten flucht­ar­tig die Milon­ga ver­las­sen hät­te, wenn zum x‑ten Mal z.B. „San­ta Maria“ von Gotan Pro­ject gespielt wur­de. Und dann auch die­se ätzend lan­gen, mono­to­nen „Lounge“-Stücke, die haben, den­ke ich, auch vie­le Leu­te ver­grault. Da ist di Sar­li & Co dann das klei­ne­re Übel.

Und wie hältst Du es mit der Ord­nung Dei­ner nicht tra­di­tio­nel­len Musik?

Ich spie­le meis­tens „homo­ge­ne“ Tan­das. Die meis­ten Tan­das sind von EINEM Inter­pre­ten bzw. einer Grup­pe / einem Orches­ter und sind auch „emo­tio­nal“ homo­gen, also lang­sam / trau­rig / roman­tisch oder flott / fröh­lich. Wie ich ein­zel­ne Tan­das zusam­men­stel­le und nach wel­chen Kri­te­ri­en ich sie zu einer Play­list zusam­men­stel­le, habe ich aus­führ­lich in die­sem Bei­trag erläu­tert.

Im Gegen­satz zu Jens spielst du Cor­ti­nas. War­um?

Cor­ti­nas erleich­tern m.E. das (weit­ge­hend) gleich­zei­ti­ge Wech­seln der Part­ner und erleich­tern es, sich vom Ande­ren zu tren­nen. Ohne Cor­ti­nas muss ich mir als Mann immer über­le­gen, ob ich mich jetzt schon bedan­ken und ver­ab­schie­den kann, ohne unhöf­lich zu wir­ken („alles unter einer Tan­da ist eine Demü­ti­gung“). Zum zwei­ten struk­tu­rie­ren Cor­ti­nas den Abend. Ich weiß, jetzt ist das Eine zu Ende und jetzt kommt was Neu­es. Ich kann erst­mal abwar­ten und rein­hö­ren und mich dann ent­schei­den, wo ich tan­zen möch­te oder nicht. Wenn Jens in Mün­chen auf­legt, spielt er zwar (lei­der) kei­ne Cor­ti­nas, aber man erkennt doch meis­tens ganz gut, wann eine Tan­da zu Ende ist und eine neue beginnt. Bei vie­len Neo-DJs erkennt man das aber über­haupt nicht. Die spie­len ein wil­des, „krea­ti­ves“ Durch­ein­an­der, bei dem man nie weiß, was als nächs­tes kommt. Ich HASSE es aus Höf­lich­keit zu Musik tan­zen zu müs­sen, die mir nicht gefällt. Wenn ich eine Frau bes­ser ken­ne, ist es kein Pro­blem, ein scheuß­li­ches Stück „aus­zu­sit­zen“, mit einer frem­den kann man das aber nicht brin­gen.

In tra­di­tio­nell ori­en­tier­ten Milon­gas wäh­len die DJs aus der Musik von – wenn es hoch kommt –  20 Orches­tern aus. Eine über­schau­ba­re Men­ge im Ver­gleich mit der gesam­ten Pop- und Rock­mu­sik, die Dir als Neo-DJ offen steht. Wie fin­dest Du Dich da zurecht?

Es gibt schon mal vie­le Musik­rich­tun­gen, die ich ent­we­der nur sehr spar­sam (wie Elec­tro) oder gar nicht spie­le, wie Tech­no, Dis­co, Soul, Funk, Metal, Rock (hängt von der Defi­ni­ti­on ab), Jazz (mit weni­gen Aus­nah­men), Lounge, Chill Out, Ambi­ent etc.

Die meis­ten mei­ner Stü­cke ent­de­cke ich auf Spo­ti­fy und You­Tube. Auf Face­book gibt es ein paar nütz­li­che Grup­pen wie z.B. non­tan­gos for tan­go­dan­cers. Ab und zu schi­cken mir Leu­te Stü­cke, von denen sie glau­ben, dass sie mir gefal­len könn­ten. Und wie bei Jens kön­nen sich mei­ne Gäs­te Stü­cke wün­schen, da ent­de­cke ich manch­mal auch Neu­es.

Was muss ein Stück haben, damit Du es in Dei­ner Milon­ga spielst?

Ähn­lich wie bei Jens eine schö­ne Melo­die und einen kla­ren, aber nicht zu domi­nan­ten bzw. mono­to­nen Rhyth­mus. Alles wei­te­re ist Gefühls­sa­che, die ich nicht in Wor­te fas­sen kann.

In der tra­di­tio­nel­len Sze­ne gibt es ein Her­an­ge­hen, dem­zu­fol­ge DJs Musik auf­le­gen, die sie für tanz­bar und popu­lär hal­ten, die aber nicht unbe­dingt ihre per­sön­li­che Lieb­lings­mu­sik sein muss. Wie hältst Du das?

Alle Stü­cke, die ich spie­le, „mag“ ich im wei­tes­ten Sin­ne. Das ist natür­lich ein gro­ßes Spek­trum von „na ja, geht schon“ bis hin zu „zum Dahin­schmel­zen“ mit vie­len Abstu­fun­gen dazwi­schen. Um Jens Bei­spiel zu neh­men, Jimi Hen­drix wür­de ich nur spie­len, wenn ich weiß, dass ich jemand damit eine gro­ße Freu­de mache, z.B. an sei­nem / ihrem Geburts­tag.

Es gibt DJs, die kei­ne Publi­kums­wün­sche mögen, weil sie sich selbst Gedan­ken über den Flow ihrer Ver­an­stal­tung gemacht haben. Der soll nicht gestört wer­den.

Ich habe grund­sätz­lich über­haupt nichts gegen Publi­kums­wün­sche (ganz im Gegen­teil), nur erfül­le ich sie nicht gleich am sel­ben Abend. Ich spie­le ja kei­ne ein­zel­nen Stü­cke, son­dern Tan­das mit jeweils drei Stü­cken, die zu einer Play­list zusam­men­ge­stellt sind. Wenn also jetzt jemand daher­kommt und sich z.B. „Tan­go de Alt­a­mar“ wünscht, müss­te ich auf die Schnel­le zwei ande­re pas­sen­de Stü­cke fin­den, sie zu einer Tan­da zusam­men­stel­len und irgend­wo in mei­ner Play­list ein­fü­gen (und eine ande­re Tan­da ent­spre­chend löschen). Das ist mir alles zu viel Stress, ich bin ja in ers­ter Linie DJ gewor­den um sel­ber zu schö­ner Musik tan­zen zu kön­nen. Das gewünsch­te Stück gibt es ein­fach eine Woche spä­ter mit Ansa­ge: „Die nächs­te Tan­da ist für den Tho­mas. Er hat sich Musik von Amo­res Tan­gos gewünscht.“

Gibt es Musi­ker, die Du beson­ders gern auf­legst?

Ja klar, z.B. Ed Sheeran und Sam Smith. Ansons­ten sind es bei mir eher Pha­sen, in denen ich bestimm­te Musik häu­fi­ger auf­le­ge. Der­zeit begeis­tert mich z.B. Roman­ti­ca Milongue­ra, ihr neu­es­tes Stück ist ein­fach phä­no­me­nal. Auch El Cachi­va­che gefällt mir sehr. Sol­che Sachen spie­le ich dann häu­fi­ger.

Wie­viel klas­si­scher Tan­go darf’s in Dei­nen Milon­gas sein?

Mein Ver­hält­nis ist meis­tens ca. 75:25.

Wie schaut’s mit Puglie­se und Piaz­zol­la aus? Puglie­se gilt all­ge­mein als schwer zu tan­zen, Piaz­zol­la hal­ten vie­le für untanz­bar.

Bei­de spie­le ich aus den genann­ten Grün­den eher sel­ten. Piaz­zol­la noch etwas häu­fi­ger als Puglie­se, was aber wahr­schein­lich dar­an liegt, dass ich ein paar Piaz­zol­la-Fans habe, denen ich damit eine Freu­de machen kann. Und es ist ja auch immer die Fra­ge, wel­cher Piaz­zol­la gemeint ist. Reden wir von „Obli­vi­on“ und „Libertan­go“ oder von den wirk­lich schwie­ri­gen Stü­cken? Und was bedeu­tet „tanz­bar“? Die wenigs­ten Leu­te hören ja z.B. bei „Libertan­go“ den 3–3‑2 Rhyth­mus, geschwei­ge denn, dass sie ihn tän­ze­risch ange­mes­sen umset­zen kön­nen (ist ja auch ein höl­lisch schnel­les Tem­po). Ist ein Stück „tanz­bar“ nur weil ich ein­fach irgend­was mache, was aber eigent­lich gar nicht passt? Mit die­sen Fra­gen habe ich mich in einem eige­nen Bei­trag näher beschäf­tigt.

Muss bei Dir die Pis­ta immer voll sein? Oder darf es bei bestimm­ten Stü­cken auch weni­ger sein, solan­ge Du schaffst sie wie­der zu fül­len?

Kein Pro­blem, wenn die Tanz­flä­che mal nicht ganz so voll ist. Mein musi­ka­li­sches Spek­trum ist so groß, da ist es ganz nor­mal, dass nicht immer allen alles gefällt. Außer­dem ist es ja ganz nor­mal, dass man zwi­schen­drin mal eine Pau­se machen möch­te. Ich kann / will auch nicht drei Stun­den durch­tan­zen.

Seit eini­ger Zeit wird in der Neo­sze­ne mit bun­ten Pro­jek­tio­nen gear­bei­tet. Was hältst Du davon?

Davon hal­te ich wenig. Es hängt natür­lich von der Art der Ver­an­stal­tung und der Musik ab. Wenn es eine eher unkon­ven­tio­nel­le Milon­ga mit „Frei­tän­zern“ und Con­tan­go-Leu­ten und dyna­mi­scher (Elec­tro-) Musik ist, bei der eher offen bzw. „frei“ getanzt wird, mag es pas­sen. Wenn es aber auch roman­ti­sche, „kusche­li­ge“ Musik gibt (und bei mir gibt es viel davon), dann stö­ren die­se Pro­jek­tio­nen m.E. die Innig­keit des Paa­res. Ich fin­de es sehr irri­tie­rend, wenn die Frau nicht „bei mir ist“, son­dern sich z.B. stän­dig umschaut, weil sie irgend­je­mand sucht oder ein ande­res Paar beob­ach­tet. Anders­her­um ist es natür­lich genau­so unhöf­lich. Und wenn da irgend­was pro­je­ziert wird, schaut man natür­lich auto­ma­tisch hin. Die paar Male, bei denen ich das bis­lang erlebt habe, emp­fand ich es nie als Berei­che­rung, son­dern eher als Ablen­kung.

Zum Schluss eine Fra­ge zum sozia­len Kli­ma in einer Milon­ga. Ein Ber­li­ner Tan­go­tän­zer hat gera­de auf Face­book einen gro­ßen Erfolg einer Initia­ti­ve für Gleich­be­rech­ti­gung rund um die Pis­ta erzielt. Er möch­te, dass Frau­en genau­so selbst­ver­ständ­lich zum Tan­zen auf­for­dern wie Män­ner. Wie sieht das in der Neo-Sze­ne im All­ge­mei­nen und spe­zi­ell in  Dei­nen Ver­an­stal­tun­gen aus?

Ich sehe es genau wie Jens. Ich kann natür­lich auch nicht für DIE Neo-Sze­ne spre­chen, das Gan­ze ist eine lang­sa­me Ent­wick­lung, die ein­fach Zeit braucht. In der aktu­el­len Tan­go­dan­za (bei Rubri­ken / Dis­cu­sión) ist ja der ers­te Teil eines Arti­kels von mir über guten bzw. schlech­ten Tan­goun­ter­richt. Da plä­die­re ich auch dafür, dass im Unter­richt von Anfang immer wie­der mal die Rol­len getauscht wer­den. Allein schon, damit Frau­en ver­ste­hen bzw. spü­ren wie schwie­rig es ist, sich neben den eige­nen Schrit­ten noch auf die Füh­rung kon­zen­trie­ren zu müs­sen und damit Män­ner ver­ste­hen / spü­ren, wie schwie­rig es ist, unkla­re (bzw. feh­len­de) Füh­rungs­im­pul­se in Bewe­gung umset­zen zu sol­len.