Der folgende Text ist eine Übersetzung von „Why we always go back to basics“ von Veronica Toumanova

Der besseren Lesbarkeit zuliebe verwende ich meistens nur männliche Formen (Lehrer, Schüler, Tänzer, etc.) Die weiblichen Entsprechungen sind dabei natürlich immer mitgemeint. 

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Als Lehrerin sehe ich regelmäßig, dass Schüler frustriert sind, wenn man ihnen immer wieder sagt, dass sie an ihren Grundlagen arbeiten sollen. Sie denken sich: „Ich höre das jetzt schon seit Jahren, offenbar habe ich mich nicht verbessert.“ Da jeder Lehrer einen neuen Blick auf das selbe Problem hat, fühlt es sich oft an, als ob Lernen eine unendliche Geschichte sei. Offenbar wird man niemals irgendwo „ankommen“. Diese Verzweiflung kann so stark werden, dass Leute völlig aufhören etwas zu lernen und sich mit dem zufrieden geben, was sie bereits können. Warum müssen wir immer wieder zu den Grundlagen zurückkehren? Und warum ist das so frustrierend?

Zunächst möchte ich definieren, was ich mit „Grundlagen“ meine. Tango ist ein improvisierter Paartanz, dessen Vokabular aus sehr wenigen grundlegenden Elementen besteht. Wir erschaffen alle möglichen Sequenzen, so wie Wörter und Sätze auf der Grundlage eines Alphabets entstehen. In Bezug auf die indivduelle Technik unterscheiden wir drei Elemente, die sich auf den Oberkörper beziehen (Haltung, Umarmung und Dissoziation) und drei Elemente, die sich auf den Unterkörper beziehen (Bewegung des freien Beins, Gewichtsverlagerung und Drehung). In Bezug auf die Paarkommunikation sprechen wir von Führen und Folgen der oben genannten Bewegungen in einem musikalischen Zusammenhang: eine Richtung vorgeben oder ihr folgen, Dissoziation, die Form der Umarmung und ihr Abstand, Drehungen, Bewegungen des freien Beins, Gewichtsverlagerung, Aus-der-Achse-Herausführen und so weiter. Führen bedeutet anzuzeigen, was der Körper der Partnerin tun soll und Folgen ist die Bewegung des eigenen Körpers als Reaktion auf eine Führung.

Jedes Grundelement kann unterschiedlich ausgeführt, je nachdem wie man seine Parameter verändert. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Am Ende eines Vorwärtsschrittes kann man nach oben gehen, indem man das Standbein streckt oder nach unten, indem man es beugt. Das erzeugt eine unterschiedliche Dynamik. Man kann dies in einer assoziierten oder dissoziierten Position des Oberkörpers machen. Während man einen Schritt macht, kann man die Umarmung öffen, schließen oder sie beibehalten. Man kann zum Ende eines Schrittes beschleunigen, verlangsamen oder in der Mitte pausieren. Man kann zuerst die Ferse oder die Zehen aufsetzen, mit einer gebogenen oder einer geraden Bewegungslinie des Fußes, man kann mit den Standbein kräftig „in den Boden“ tanzen oder nur ganz leicht. Man kann einen großen oder kleinen Schritt machen, man kann sehr viel Energie in den Schritt legen oder ganz sanft in ihn hineingleiten. All dies kann man machen, während man führt oder während man jemand folgt. Und bislang reden wir nur von lediglich EINEM Vorwärtsschritt. Stellen wir uns nun zwei Leute vor, jede(r) mit seinen eigenen zwei Beinen, die sich in verschiedenen Richtungen bewegen und drehen und wir können uns die astronomische Anzahl an Variationen vorstellen, die diese zwei mit diesen Grundelementen tanzen können.

Früher passierte es häufig (und es geschieht ab und zu noch immer), dass ein Lehrer eine bestimmte Art eine bestimmte Bewegung, wie zum Beispiel einen Rückwärts-Ocho, auszuführen mit einem ganz bestimmten Set der oben genannten Parameter entwickelte und dann behauptete, dies sei die einzig korrekte Technik. Wenn Schüler dann bei einem anderen Maestro lernten, waren sie sehr verwirrt, weil auch der neue Maestro sein ganzes eigenes Set für den Rückwärts-Ocho hatte und wiederum behauptete, dies sei „das einzig richtige“. Und ich spreche hier von einer Situation, in der beide Ocho Varianten biomechanisch GUT ausgeführt werden. Wieviele Varianten gibt es Ochos schlecht auszuführen! Heutzutage verstehen die meisten Lehrer, dass es verschiedene Arten gibt eine Bewegung auszuführen, indem man die Parameter ändert. Dieses Wissen hat zu einem explosiven Wachstum von Tangovokabular und zu deutlich unterscheidbaren Tanzstilen geführt.

Ein Stil ist nichts anderes als ein bevorzugtes Set von Parametern, mit dem Grundelemente während eines Tanzes wiederholt ausgeführt werden. Wenn man auf einem gebeugten Bein landet, während man zum Ende des Schrittes beschleunigt, resultiert das in einem geerdeten, federndem Gehen. Wenn man die selbe Geschwindigkeit beibehält und sich von einem Bein auf das andere bewegt ohne die Ebene zu verändern, führt das zu einem fließenden Gehen. Wenn man am Ende jeden Schrittes nach oben geht, akzentuiert das das Gehen mit kleinen Mikropausen bei jedem Mal, wenn man auf einem neuen Bein ankommt. Aus diesem Grund ist es einfach dumm zu behaupten, dass nur ein bestimmter Stil der einzig wahre Tango sei. Das ist genauso dumm, wie wenn jemand behaupten würde, dass nur ein großer Seitschritt nach links der einzig wahre Seitschritt sei und dass Leute, die einen anderen Seitschritt machen, keine Ahnung oder keinen Geschmack haben.

Wir fangen an Tango zu lernen, indem wir kurze Sequenzen von Grundelementen meistern, genauso wie ein Schüler in einer Sprache mit kurzen, vordefinierten Phrasen beginnt. Gehen, Ochos, Kreuzschritte sind alles Kombinationen von Grundelementen, sie sind nicht selber Grundelemente. Die Schrittfolgen eines Anfängers sind Kombinationen von Grundelementen mit einem sehr einfach auszuführenden Set an Parametern. Beim Gehen ist es zum Beispiel am Anfang besser zu lernen die Ebene nicht zu stark zu wechseln. Erst wenn man dies beherrscht, kann man elegant nach oben oder unten gehen. Zuerst lernen wir bei einem Kreuzschritt eine kleine Pause einzulegen und zu atmen, erst später lernen wir, wenn wir dies wollen, auch ohne Pause weiterzugehen. Wenn man früher eine komplexe Figur konnte, wurde man als fortgeschritten angesehen. Wenn man hingegen heute eine komplexe Figur kann, aber nicht in der Lage ist, diese in kleinere Elemente herunterzubrechen und zu variieren, wird man nicht mehr als fortgeschritten angesehen, man weiß dann nur, wie man etwas kopiert. Ein fortgeschrittener Tänzer kann „Phrasen“ schaffen und die Parameter von Grundelementen nach Belieben verändern. Ein Anfänger kann nur sagen „Mein Name ist James“, wohingegen ein fortgeschrittener Tänzer sagen kann „Mein Name ist Bond, James Bond.“

Grundlegende Technik zu beherrschen bedeutet die wichtigsten Elemente innerhalb eines einfachen Tangovokabulars gut auszuführen. Eine fortgeschrittene Technik zu beherrschen bedeutet die wichtigsten Elemente innerhalb sowohl eines einfachen als auch komplexen Tangovokabulars ausführen zu können. Der Vorteil eines guten Niveaus grundlegender Technik ist, dass es viel einfacher wird komplexen Wortschatz zu meistern. Doch auch wenn man ein solides Niveau grundlegender Technik erreicht hat, wird man fortgeschrittenen Wortschatz üben müssen, bevor man ihn beherrscht. Ein Weg das zu verstehen ist ein Vergleich mit anderen motorischen Fertigkeiten. Vielleicht kann man ein kurzes Kindergedicht mühelos rezitieren, wenn man jedoch eine Bühne betritt um Hamlets Monolog zu rezitieren, wird man die größten Probleme selbst mit den einfachsten Passagen haben, wenn man das Rezitieren von Shakespeare nicht gezielt geübt hat. Der Grund ist, dass die gesamte Komplexität der Aufgabe im zweiten Fall viel höher ist.

In den allermeisten Tangostunden geht es um das Erlernen von Schritten, also all die verschiedenen Kombinationen von grundlegenden Elementen. Die Absicht dahinter ist, dass sich die Leute auf einer Milonga miteinander „unterhalten“ können und nicht ständig die selben Muster wiederholen. Im Idealfall lassen Tangostunden Schüler sowohl an Figuren als auch an der Technik arbeiten. Schüler lernen jedoch manchmal sehr anspruchsvollen Wortschatz ohne die Grundlagen zu beherrschen. Das Ergebnis sind Tänzer die schwierige Sachen schlecht ausführen. Sie versuchen Shakespeare zu rezitieren ohne erstmal etwas Einfacheres geübt zu haben. Eine ungenügende Beherrschung der Grundlagen kann man bei einem Tänzer/einer Tänzerin sehen und spüren, unabhängig davon was er/sie macht. Manchmal beeindruckt die schiere Komplexität von Figuren einen externen Betrachter und man könnte meinen, der Tänzer sei ein Virtuose, aber sobald man ihn bittet einfach nur zur Musik zu gehen oder ein paar Ochos zu machen, wird der Mangel schmerzhaft offensichtlich.

Warum sind Tangotänzer schnell frustriert, wenn man sie bittet zu den Grundlagen zurückzukehren? Viele Lehrer sind der Meinung, dass Tangotänzer im Grunde genommen faul sind. Was sie wollen ist Spaß haben. Was sie nicht wollen, ist hart zu arbeiten. Sie möchten gerne schwierige Sachen tanzen, aber ohne all die Mühe, die es macht, sie gut zu tanzen. Tango ist einfach nur ein weiteres Hobby für sie und man kann auf Milongas ja durchaus viel Spaß haben ohne die Grundlagen zu beherrschen. In dieser Meinung steckt schon Wahrheit, aber es gibt auch noch einen anderen Grund.

Viele Leute, die zum Tango kommen, haben nie zuvor getanzt und haben eine weitgehend intellektuelle Bildung, das heißt sie haben ihr Wissen durch LESEN erworben. In ihrem Alltag geht es vor allem um das Verarbeiten und Wiederabrufen von Informationen. Um Experte auf einem Gebiet zu werden, das intellektuelles Wissen erfordert, muss man in erster Linie mit dem analytischen Verstand arbeiten. Wenn das Ziel des Lernens der Erwerb von Wissen ist, verläuft der Lernprozess ziemlich geradlinig. Sobald man ein Thema verstanden hat, braucht man nicht wieder zu ihm zurückkehren, außer man hat ein paar Details vergessen. In diesem Fall reicht ein kurze Wiederholung um das Gedächtnis wieder aufzufrischen.

Aber so funktioniert es im Tanz nicht. Im Tanz geht es nicht um Wissen und Sich-Erinnern, es geht in erster Linie um Tun und Sein. Mit dem Verstand zu wissen, was man tun soll, ist natürlich wichtig, aber das ist erst der Ausgangspunkt. Man muss den Körper daran gewöhnen sich in einer bestimmten Art zu bewegen. Tanzen zu lernen ist per Definition ein zyklischer Prozess, da Tanz nur in dem Moment existiert, in dem er ausgeführt wird. Jede Bewegung muss jedes Mal neu erschaffen werden, oft unter ganz unterschiedlichen Bedingungen. Eine Bewegung zu perfektionieren bedeutet eine motorische Gewohnheit zu entwickeln, die das Ergebnis unter allen denkbaren Bedingungen produziert. Und wenn man daran arbeitet korrekte Bewegungsgewohnheiten zu entwickeln, macht man das durch Wiederholung und bewusste Korrektur, indem man die betroffenen neuronalen Leitungsbahnen im Nervensystem verstärkt.

Fortschritte im Tanz gibt es nur, wenn man immer wieder von einfachen zu komplexen Bewegungsmustern und zurück geht. Es ist ganz normal für einen professionellen Balletttänzer im Unterricht bei etwas scheinbar ganz Trivialem, wie zum Beispiel einem Plié, korrigiert zu werden. Für jemand, der keinen Bezug zum Tanz hat, klingt das sehr merkwürdig. Sollte ein Profi nicht längst wissen, wie ein Plié geht? Aber beim Tanzen, wie beim Musizieren, der Bühnenschauspielerei, dem Singen oder dem Sport, geht es nicht um Wissen, sondern darum etwas jedes Mal ein bisschen besser zu machen. Zu den Grundlagen zurückzukehren bedeutet für einen Tänzer das präziseste und effizienteste Lernen. Tänzer wissen, dass die Qualität in den Details liegt und die Details liegen immer in den Grundlagen.

Für einen Tangoanfänger kann das unter Umständen einen Offenbarung sein. Ich hatte mal einen Anfänger, der während seiner zweiten Stunde bemerkte: „Mist, mein Gehen ist immer noch nicht perfekt.“ Nach einem Jahr erwarten Schüler, dass sie automatisch vom „Anfänger“ zum „Fortgeschrittenen“ werden und sie denken, dass die Vertrautheit mit dem Anfängervokabular sie zum fortgeschrittenen Tänzer macht. Doch dann finden sie heraus, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. Die Leute können viele Figuren kennen und sie alle schlecht tanzen oder sie kennen nur ein paar, tanzen die aber ausgesprochen gut. Dies macht jede Einteilung nach Niveau oder Anzahl von Jahren im Tango sehr schwierig.

Wenn du immer wieder die selben Dinge über deinen Tanz hörst, denk daran: NUR SO FUNKTIONIERT ES NUN EINMAL. Es bedeutet nicht, dass du keine Fortschritte machst. Wahrscheinlich machst du welche, zumindest kleine. Wenn komplexe Bewegungen zu schwierig für dich sind, solltest du sie in einfachere Muster zerlegen und so lange an ihnen arbeiten, bis du die Kombination fehlerlos tanzen kannst. Aus diesem Grund müssen wir erst etwas langsam machen, bevor wir es schnell machen können. Wir müssen eine gute Haltung haben, bevor wir auf einem Bein drehen können. Wir müssen erst lernen die Balance zu halten, bevor wir Verzierungen tanzen können. Hier kommt meine Schlussfolgerung und meine wichtigste Botschaft: Beim Tanz geht es in Wirklicheit NUR um die Grundlagen. Das Großartige an dieser Erkenntnis ist, dass jedes Mal, wenn du etwas an deinen Grundlagen verbesserst, sich dein ganzer Tanz verbessert. Das ist ein wunderbares Gefühl und allein dafür lohnt sich die ganze Anstrengung.