Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Du sollst dir kein Bild machen

An vie­len Schu­len gibt es zu Beginn des Schul­jah­res eine „Klas­sen­über­ga­be“, bei der der Klas­sen­lei­ter des letz­ten Jah­res sei­nen Nach­fol­ger über die Klas­se „infor­miert“. Ich hal­te die­se Infor­ma­tio­nen für aus­ge­spro­chen pro­ble­ma­tisch. 

Mir geht es im Fol­gen­den natür­lich NICHT um Infor­ma­tio­nen über Schü­ler mit gra­vie­ren­den psy­chi­schen Pro­ble­men, Behin­de­run­gen (wie Asper­ger oder Autis­mus), mas­si­ve häus­li­che Pro­ble­me (durch Schei­dung, Tod etc.) usw., son­dern um ganz „nor­ma­le“ Infor­ma­tio­nen wie „Die Char­lot­te ist eine ganz intel­li­gen­te und flei­ßi­ge Schü­le­rin, aber auf den Max musst du auf­pas­sen – das ist ein rotz­fre­cher und fau­ler Kerl.“

In jedem psy­cho­lo­gisch-päd­ago­gi­schen Hand­buch ist die self-ful­fil­ling pro­phe­cy beschrie­ben. Die Eti­ket­tie­rung von Schü­lern als intel­li­gent, flei­ßig, faul, undis­zi­pli­niert etc. bein­flusst unbe­wusst unse­re Wahr­neh­mung und unser Ver­hal­ten. Zum Bei­spiel gibt es eine Stu­die der Uni­ver­si­tät Prince­ton aus den 1980er Jah­ren:

Damals beka­men Stu­den­ten über eine Schü­le­rin ent­we­der zu hören, sie stam­me aus einem sozi­al schwa­chen Eltern­haus oder aus einer höhe­ren Bil­dungs­schicht. Anschlie­ßend sahen alle Teil­neh­mer das­sel­be Video, auf dem das Mäd­chen an einem Test teil­nimmt. Dabei beant­wor­te­te es sowohl leich­te als auch schwie­ri­ge Fra­gen mal rich­tig und mal falsch, sodass kein ein­heit­li­ches Bild ent­stand. Trotz­dem schätz­ten die Pro­ban­den, die von einem nied­ri­gen sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus aus­gin­gen, die Kom­pe­tenz der Viert­kläss­le­rin weit­aus gerin­ger ein – sie schie­nen sich nur für jene Pas­sa­gen zu inter­es­sie­ren, die ihre Annah­men bestä­tig­ten.

Genau­so bin ich davon über­zeugt, dass Infor­ma­tio­nen über (schlech­te) Noten und dis­zi­pli­na­ri­sche Pro­ble­me mei­ne eige­ne Wahr­neh­mung und mein Ver­hal­ten bei­ein­flus­sen.

Auch vie­le Kol­le­gen wol­len, wenn sie eine neue Klas­se bekom­men, sich vor­her „ein Bild machen“ und stu­die­ren zu die­sem Zweck die Schü­ler­ak­ten bzw. ent­spre­chen­de Lis­ten mit Ord­nungs­maß­nah­men. Ich mache das ganz bewusst NICHT.

Schü­ler soll­ten m.E. immer wie­der die Chan­ce eines „Neu­starts“ haben. Aus die­sem Grund pfle­ge ich auch nach dis­zi­pli­na­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mein schlech­tes Gedächt­nis und hal­te mich an das Mot­to „For­gi­ve and For­get“.

Anspie­lung in der Über­schrift …

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  1. Inter­es­sant, dan­ke für die Aus­füh­run­gen. Wir haben weder eine Lis­te an Beson­de­ren Fäl­len noch päd­ago­gi­sche Klas­sen­kon­fe­ren­zen, noch erkun­di­gen sich unse­re Leh­rer offi­zi­ell und gezielt beim vori­gen Klas­sen­leh­rer.
    Ich werd die­se Anre­gun­gen min­des­tens für mich selbst auf­neh­men!

  2. Philipp

    Die Lis­te ist nicht in ers­ter Linie für „Krank­hei­ten“ und sicher­lich nicht als „rote Lis­te“ zu bezeich­nen. Sie heißt „Beson­de­re Fäl­le“ und nach mei­ner Wahr­neh­mung ste­hen die Schü­ler drauf bei denen das Pro­blem oder „Phä­no­men“ von Sei­ten der Eltern der Schu­le offi­zi­ell mit­ge­teilt wur­de. Das heißt, ob jemand kifft, muss ich ggf. selbst raus­fin­den 😉 Es ist eine, wie ich fin­de nütz­li­che Infor­ma­ti­on für die Lehr­kräf­te, in 1–2 Stich­wör­tern. Die Schü­ler wis­sen im Nor­mal­fall nicht, dass es eine sol­che Lis­te gibt, aber selbst wenn, sehe ich auch kein Pro­blem. Es ist eine inter­ne Infor­ma­ti­on für das Kol­le­gi­um und wenn Eltern ein der­ar­ti­ges Pro­blem in der Schu­le bekannt machen, soll­ten sie auch ein­ver­stan­den sein, dass das gan­ze Kol­le­gi­um infor­miert wird. Sonst ist das Gan­ze ja wohl eher sinn­los. Es ste­hen auf der Lis­te auch so etwas wie Zeit­ver­län­ge­run­gen für LRS-Schü­ler drauf und z.B. auch, wer in der 11. im Aus­land ist und ob jemand den israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt besucht. In dem genann­ten Fall stün­de – falls es offi­zi­ell beknnt wäre – dann wohl etwas wie: „Huber, Karl; Klas­se 7g; autis­tisch-mutis­ti­sches Syn­drom“. Wenn ich mehr wis­sen will, muss ich ent­we­der die Schul­psy­cho­lo­gin fra­gen oder doch in den Klas­sen­ord­ner schau­en, ob es dort irgend­ein Schrift­stück gibt, oder ggf. die Schul­lei­tung fra­gen, aber ich kann auf einen Blick sehen, dass bei die­sem Schü­ler ein der­ar­ti­ges Pro­blem vor­liegt. Die Lis­te hängt so im Leh­rer­zim­mer, dass es ein Außen­ste­hen­der nicht sehen kann. Die Gafahr, dass sie jemand unbe­fugt stu­diert ist genau­so hoch oder viel­mehr nied­rig, wie dass jemand die Klas­sen­ord­ner mit den Noten­bö­gen in die Hand kriegt.
    In den nicht offi­zi­ell bekann­ten Fäl­len hel­fen ggf. die päd­ago­gi­schen Klas­sen­kon­fe­ren­zen, die wir für alle Klas­sen an zwei Nach­mit­ta­gen anstel­le des Buß- und Bet­ta­ges am Schul­jah­res­an­fang machen. Hier soll auch nach Mög­lich­keit der Klas­sen­lei­ter des Vor­jah­res anwe­send sein. Der kann dann ggf. über sol­che Pro­ble­me berich­ten, auch wenn sie nicht offi­zi­ell bekannt sind.

  3. Ist ein Aus­hang im Leh­rer­zim­mer nicht mög­li­cher­wei­se von Nicht-Berech­tig­ten ein­zu­se­hen? Viel­leicht bes­ser in einem ver­steck­te­ren Buch?
    In wel­cher Form ist die Lis­te gestal­tet? Nur der Name, nur 1–2 Stich­wör­ter, oder eini­ge Sät­ze?
    Und wie vie­le Schü­ler ste­hen drauf? Und wo zieht man die Gren­ze? Bei offi­zi­el­len Dia­gno­sen, die eine schu­li­sche Leis­tung beein­träch­ti­gen kön­nen? Borderliner/Ritzer u.Ä. ste­hen da aber doch bestimmt nicht drauf, aller­dings sind die dann oft auch nicht offi­zi­ell ver­öf­fent­licht…
    Kur­sie­ren Gerüch­te unter den Schü­lern ob jmd. auf die­ser „Roten Lis­te“ oder wie auch immer drauf ste­hen?
    In die­sem mei­ni­gen Fall neh­me ich an, wie in vie­len, dass es kei­ne offi­zi­el­le Dia­gno­se gibt, dass der Klas­sen­leh­rer das so bezeich­net hat. Damit wür­de der Schü­ler nicht auf der Lis­te erschei­nen kön­nen.

  4. Philipp

    > an einer Art Mutis­mus bzw. Autis­mus lei­de
    Ich glau­be, so etwas muss man deut­lich von vor­aus­ge­gan­ge­nen Ord­nungs­maß­nah­men unter­schei­den, um die ja hier ursprüng­lich ging. Letz­te­re inter­es­sie­ren mich nicht. Der­ar­ti­ge Krank­hei­ten fal­len aber wohl eher in eine ähn­li­che Kate­go­rie wie Leg­asthe­nie, was man ja wegen der Noten­be­rech­nung sowie­so wis­sen muss. So etwas steht bei uns – sofern bekannt – auf einer inter­nen Lis­te „beson­de­re Fäl­le“, die bei uns im Leh­rer­zim­mer aus­hängt und die ich mir in jedem Fall, gera­de wegen der­ar­ti­ger mög­li­cher Fäl­le, anschaue. Sol­che Sachen, soll­te man, so sie denn grund­sätz­lich über­haupt bekannt sind, unbe­dingt wis­sen.

  5. Ich ähn­lich, auch bei bei man­chen Dia­gno­sen. Als Klas­sen­leh­rer höre ich mir erst­mal an, was Kol­le­gen sagen, bevor ich ihnen nach 3–4 Mona­ten die Hin­ter­grün­de wei­ter erzäh­le.
    Zu den­ken gege­ben hat mir jetzt einen stil­ler Jun­ge, bei dem ich unvor­ein­ge­nom­men her­an gegan­gen bin, der aber dann die Klas­sen­ar­beit völ­lig ver­hau­en hat, danach fehl­te, und von dem mir der Klas­sen­leh­rer jetzt erst ver­riet, dass er ‚wohl‘ an einer Art Mutis­mus bzw. Autis­mus lei­de. Da ich eini­ges an Erfah­run­gen mit sol­chen Syn­dro­men habe, man das aber so nicht erken­nen konn­te, wer es nicht schlecht gewe­sen, das vor­her zu wis­sen, allei­ne um den Schü­ler ken­nen zu ler­nen, für Kol­le­gen zu über­le­gen, was man tun kann. 🙁 Ich werds ver­su­chen wie­der wett zu machen, auch wenn ich die­sen Schü­ler nur epo­chal ein Halb­jahr hat­te…

  6. Ich lese mir nur die Akten der Ein­gangs­klas­sen durch – ich möch­te even­tu­el­le Auf­fäl­lig­kei­ten in Bezug auf Recht­schreib- oder Mathe­pro­ble­me­pro­ble­me, Ver­hal­ten hin­sicht­lich ADS früh erken­nen kön­nen um zu unter­stüt­zen. Die Stra­fen­kar­tei inter­es­siert mich dabei 0, vor­he­ri­ge Noten nur am Rand. Die o.g. Pro­ble­ma­tik ist mir bewusst und ich hof­fe, dass sie des­halb auch nicht ein­tritt: Schü­ler – bevor sie den Mund ein­mal auf­ma­chen – bereits in eine Schub­la­de zu packen. Und die Schü­ler sich natür­lich auch so ver­hal­ten, wie man es ent­spre­chend die­sem Bild erwar­tet. Dies gilt nicht nur für die Schü­ler…:-). Sie­he: http://de.wikipedia.org/wiki/Pygmalioneffekt

  7. > Aus die­sem Grund pfle­ge ich auch nach dis­zi­pli­na­ri­schen
    > Aus­ein­an­der­set­zun­gen mein schlech­tes Gedächt­nis.

    Im Grund­satz hast du natür­lich recht: Die Chan­ce eines Neu­starts muss immer gege­ben sein. Aller­dings gibt es auch Kan­di­da­ten, die per­ma­nent im Hin­ter­grund zün­deln. Der Ein­zel­vor­fall an sich ist harm­los und viel­leicht noch nicht ein­mal einen Ein­trag ins Klas­sen­buch wert, doch bei ganz­heit­li­cher Betrach­tung sieht die Sache dann plötz­lich anders aus.

    Um eine auch im Ver­gleich zu den Mit­schü­lern fai­re Beur­tei­lung des Ver­hal­tens vor­neh­men zu kön­nen, notie­re ich auch die eher unbe­deu­ten­den Vor­fäl­le kurz mit Datum und Stich­wort. Bleibt es bei weni­gen Vor­fäl­len, hat der Schü­ler sicher nichts zu befürch­ten. Bei einer gewis­sen Häu­fung der füh­re ich ein ermah­nen­des Gespräch. So man­che Kinn­la­de ist weit her­un­ter­ge­klappt, als ich die Lis­te der „klei­nen Ver­ge­hen“ vor­ge­legt habe. Eine Dis­kus­si­on wie „Das war nur ein Nal“ oder „Ich habe doch sonst nichts gemacht“ habe ich noch nie füh­ren müs­sen…

    In Sachen Akten­ein­sicht hal­te ich es wie Phil­ipp.

  8. Philipp

    > Ich mache das ganz bewusst nie­mals.
    Ich auch nicht, zumin­des­tens nicht im Vor­aus. Ich bin aller­dings so frei, wenn mir jemand nach­hal­tig nega­tiv auf­fällt, den Blick in das ange­spro­che­ne Sün­den­re­gis­ter bald nach­zu­ho­len, weil es mich dann in der Regel doch inter­es­siert, ob ich mit mei­ner Wahr­neh­mung allei­ne daste­he.

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