Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Rote Eva trainiert in der Auszeit

Hän­gen an dei­ner Schu­le noch „Klas­sen­ver­trä­ge“ rum? Bei uns waren die vor ein paar Jah­ren ganz „in“, jetzt sieht man über­haupt kei­ne mehr. Falls du nicht weißt, wovon ich schrei­be: Man han­delt mit den Schü­lern Regeln aus, an die sich alle hal­ten sol­len („Wir hören uns gegen­sei­tig zu und unter­bre­chen uns nicht“), malt sie auf ein gro­ßes Pla­kat, alle Schü­ler und der Leh­rer unter­schrei­ben und dann wird das Pla­kat auf­ge­hängt. War­um ist die­ses auf den ers­ten Blick so über­zeu­gen­de Ver­fah­ren (zumin­dest an mei­ner Schu­le) der­art schnell wie­der ver­schwun­den? Für mich gibt es vor allem zwei Grün­de.

Bei unse­rem Kon­zept konn­ten Schü­ler, die sich nicht mehr an die Regeln hal­ten woll­ten, ein­fach ihren Namen auf dem Pla­kat aus­strei­chen. Sich an Regeln zu hal­ten und sich zu „dis­zi­pli­nie­ren“ ist anstren­gend, also hat­te sich in den meis­ten Fäl­len min­des­tens ein Drit­tel der Schü­ler nach weni­gen Wochen wie­der aus­ge­stri­chen. Und spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt war man wie­der beim frü­he­ren Sta­tus Quo ange­langt.

Der zwei­te Grund, war­um ich der gan­zen Idee von Anfang an skep­tisch gegen­über­stand (und -ste­he) ist der Umstand, dass hier Regeln AUSGEHANDELT wer­den sol­len, nach dem Mot­to „Wenn Sie uns nicht so vie­le Haus­auf­ga­ben auf­ge­ben, dann schwät­zen wir auch nicht so viel.“ Regeln aus­zu­han­deln ist etwas völ­lig ande­res als Regeln zu erklä­ren und zu begrün­den. Ich bin ger­ne bereit mei­ne (dis­zi­pli­na­ri­schen) Regeln zu erläu­tern, aber sie sind KEIN Gegen­stand von Ver­hand­lun­gen zwi­schen gleich­be­rech­ti­gen Part­nern.

Jetzt kommt die nächs­te päd­ago­gi­sche Inno­va­ti­on daher: „Trai­nings­raum (für ver­ant­wort­li­ches Den­ken“) bzw. „RED“ (*R*aum für *e*igenverantwortliches *D*enken) bzw. „EVA“ (*e*igenverantwortliche *V*erhaltens*a*enderung) bzw. „Aus­zeit­raum“.

Als ich das ers­te Mal von einer Kol­le­gin hör­te, dass an ihrer Schu­le ein „Trai­nings­raum“ ein­ge­rich­tet wer­den sol­le, dach­te ich als Sport­ler natür­lich erst­mal an einen Fit­ness­raum mit Kraft­ma­schi­nen und bei einem „Eva“ Raum hat­te ich auch erst­mal völ­lig fal­sche Asso­zia­tio­nen. „Aus­zeit“ fin­de ich aller­dings sehr sym­pa­thisch: End­lich kann sich der Schü­ler eine „Aus­zeit“ vom anstren­gen­den Unter­richt und dem ner­vi­gen Leh­rer neh­men …

Hier in Kür­ze wor­um es geht, zitiert nach die­ser PDF-Datei:

Wenn ein Schü­ler in der Klas­se den Unter­richts­fluss deut­lich stört, wird er respekt­voll ermahnt und gefragt, ob er sich lie­ber an die Regeln hal­ten möch­te, oder ob er in den „Trai­nings­raum für ver­ant­wort­li­ches Den­ken“ gehen möch­te. Wenn der Schü­ler nicht ein­lenkt, dann muss er in den Trai­nings­raum gehen. Der dort anwe­sen­de Leh­rer oder Sozi­al­ar­bei­ter bie­tet ange­mes­se­ne Hil­fen und Gesprä­che an und sorgt für die Ein­hal­tung der Regeln im Trai­nings­raum. Wenn der Schü­ler zurück in die Klas­se möch­te, muss er einen Rück­kehr­plan erstel­len, indem er dar­legt, wie er es das nächs­te Mal schaf­fen will, sei­ne Zie­le zu errei­chen, ohne die ande­ren in der Klas­se zu stö­ren. […] Die­ser Rück­kehr­plan liegt nun schrift­lich vor und kann immer wie­der mit dem tat­säch­li­chen Ver­hal­ten und nach­fol­gen­den Plä­nen ver­gli­chen wer­den. Mit einem im Trai­nings­raum bespro­che­nen Rück­kehr­plan geht der Schü­ler zurück in den Unter­richt des Leh­rers, der in geschickt hat­te, ohne erneut zu stö­ren. Der Leh­rer bespricht sobald er Zeit fin­det die­sen Plan und es wird eine Ver­ein­ba­rung auf der Grund­la­ge des Plans getrof­fen.

Abge­brüh­te Prak­ti­ker freu­en sich jetzt natür­lich, dass es end­lich mög­lich ist, stö­ren­de Schü­ler aus dem Unter­richt raus­zu­schmei­ßen, was bis­lang wegen der lei­di­gen Auf­sichts­pflicht ja nicht oder nur ein­ge­schränkt („Du musst die gan­ze Zeit die Klin­ke gedrückt hal­ten“) ging. Aber die­se Hal­tung geht natür­lich völ­lig an den päd­ago­gi­schen Inten­tio­nen des Ver­fah­rens vor­bei.

Wie schon bei ande­ren The­men fin­de ich es reiz­voll, das Gan­ze – als klei­nes Gedan­ken­spiel – mit Erwach­se­nen, noch bes­ser mit Leh­rern durch­zu­spie­len.

Bekannt­lich (?) beneh­men sich Leh­rer z.B. bei Leh­rer­kon­fe­ren­zen oft fast genau­so schlecht wie Schü­ler. Sie quat­schen, kichern, pas­sen nicht auf, schla­fen und gehen diver­sen Fremd­be­schäf­ti­gun­gen nach. Stel­len wir uns also vor dass der Chef mal wie­der der­art ein­schlä­fernd labert spricht, dass es Kol­le­ge Huber nicht mehr aus­hält und anfängt sich laut­stark mit sei­nem Nach­barn zu unter­hal­ten. Nach einer „respekt­vol­len“, aber lei­der ver­geb­li­chen War­nung wird er schließ­lich in den „EVAFL“ (… für Leh­rer) geschickt. Dort war­tet ein Mit­ar­bei­ter des Direk­to­rats auf ihn und lei­tet das „ange­mes­se­ne“ Gespräch mit der Fra­ge ein, war­um er denn her­ge­kom­men sei. Was soll Kol­le­ge Huber jetzt sagen? Die Wahr­heit? Dass z.B. das Ver­le­sen von kul­tus­mi­nis­te­ri­el­len Ver­laut­ba­run­gen nur mäßig inter­es­sant ist und dass er des­halb …? Was soll ein SCHÜLER auf die­se Fra­ge ant­wor­ten? Dass Eng­lisch, Mathe, Che­mie etc. bzw. die dazu­ge­hö­ri­gen Leh­rer ein­fach töd­lich lang­wei­lig sind und er des­halb …?

Als nächs­tes muss Kol­le­ge Huber den „Rück­kehr­plan“ erstel­len. Was soll er da schrei­ben? Die Wahr­heit? Dass er bei der nächs­ten Kon­fe­renz, wenn es wie­der so lang­wei­lig wird, ver­mut­lich wie­der Quatsch machen wird? Käme viel­leicht nicht so gut an. Also doch bes­ser, dass er das nächs­te Mal ganz doll auf­pas­sen und natür­lich NIIIIEEE mehr stö­ren wird. Und der Schü­ler? …

Zum Abschluss muss er dann noch mit dem Direk­tor sei­nen Plan bespre­chen. Soll er da viel­leicht doch mal ehr­lich sein und auf den Zusam­men­hang zwi­schen lang­wei­li­gen Kon­fe­ren­zen und sei­nem Ver­hal­ten ein­ge­hen? Wahr­schein­lich kei­ne gute Idee. Und der Schü­ler? …

An der Schu­le mei­nes Soh­nes führ­te die Ein­füh­rung von „RED“ dazu, dass unter den Schü­lern ein wah­rer Wett­be­werb ein­setz­te, wer auf die­se Art am häu­figs­ten dem Unter­richt ent­flie­hen kön­ne. Dar­auf­hin muss­te die Schul­lei­tung zurück­ru­dern („Wer mehr als drei­mal …“), obwohl vie­le Leh­rer wahr­schein­lich froh waren die größ­ten Chao­ten auf die­se Art „päd­ago­gisch wert­voll“ los­zu­wer­den.

Aber als Sport­ler sieht man das Gan­ze wahr­schein­lich eh völ­lig falsch. Wie rück­stän­dig der Sport ist, sieht man ja z.B. dar­an, dass es immer noch (wie ver­werf­lich) eine Zeit­STRA­FE (statt einer „vor­über­ge­hen­den ver­pflich­ten­den Erho­lungs­pau­se“), einen Platz­VER­WEIS (statt einer „end­gül­ti­gen ver­pflich­ten­den Erho­lungs­pau­se“) und einen STRAF­stoß (statt einer „kom­pen­sie­ren­den Aus­gleichs­maß­nah­me“) gibt.

Die Über­schrift spielt auf die rote Lola an.

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Take a Think

  1. Max

    Zum The­ma passt die fol­gen­de … bizar­re … Mel­dung:

     ‚Beneh­men‘ als Schul­fach? – Drei von vier Bür­gern sind dafür

    Eine reprä­sen­ta­ti­ve Stu­die belegt, dass sich 75 Pro­zent eine Unter­richts­fach wün­schen, dass sich um das The­ma ‚Beneh­men‘ dreht.“

    http://goo.gl/xfISCz

  2. > die­ser wur­de wegen kip­peln in der Stun­de ver­an­lasst … Es gab also einen Ver­weis!!!

    Ich ken­ne zwar die nähe­ren Umstän­de nicht, aber kein Leh­rer kann stän­di­ges Kip­peln tole­rie­ren. Wer kip­pelt, fällt erfah­rungs­ge­mäß auch irgend­wann mit lau­tem Getö­se um. Dies stellt schon eine mas­si­ve Unter­richts­stö­rung dar. Dar­über­hin­aus besteht eine erheb­li­che Ver­let­zungs­ge­fahr: Ent­we­der der Schü­ler knallt mit dem Kopf auf den Boden, oder (noch schlim­mer) auf die Bank bzw. die Kan­te des Hin­ter­man­nes. Wir hat­ten bei sol­chen Gele­gen­hei­ten schon blu­ten­de Platz­wun­den, die im Kran­ken­haus ver­sorgt wer­den muss­ten.

  3. Sunshine

    Sel­bi­ges Pro­blem, gibt es in der schu­le mei­nes Soh­nes. Ich mei­ne seit ca. 2 Jah­ren gibt es dort die­ses T-Raum Pro­jekt – wel­ches für mich völ­lig an dem vor­bei geht was es viel­leicht bewir­ken soll.
    Selbst­ver­ständ­lich bin ich dafür, dass man ver­sucht den Unter­richt so stö­rungs­frei wie mög­lich zu hal­ten und allen auf­nah­me­wil­li­gen Schü­lern eine Chan­ce zu geben etwas zu ler­nen, aber mei­ner Mei­nung nach wird die­ses Pro­jekt für Macht­spiel­chen der Leh­rer an die­ser Schu­le miss­braucht!!!
    Mein Sohn ist mitt­ler­wei­le 8. Klas­se, sei­ne wie auch die Besu­che ande­rer Schü­ler im T-Raum waren über­wie­gend:
    – weil man sich gegen zickeln­de Klas­sen­ka­me­ra­den, die vor lau­ter Lan­ge­wei­le im Unter­richt nicht wuss­ten was man sonst noch so machen kann, wehr­te
    – weil er 5 Minu­ten zu spät zum Unter­richt kam (Leh­rer­raum­prin­zip – wenn man dann noch zur Toi­let­te muss und sich zuvor den Schlüs­sel dazu besor­gen muss, sind 5 Minu­ten Pau­se doch sehr eng bemes­sen)
    – weil er Kau­gum­mi kau­te trotz dem Wis­sen, dass es ver­bo­ten ist
    – sicher auch weil ihm sel­ber mal lang­wei­lig war und er es vor­zog sich mit Mit­schü­lern zu unter­hal­ten
    – … so könn­te man das gan­ze sicher noch fort­set­zen!!!
    Was mich dar­an jedoch sehr ver­är­gert und was wohl die meis­ten Eltern nicht ver­ste­hen:
    1. Was hat der T-Raum Besuch mit dem §53 SchlG zu tun? (will man unlieb­sa­me oder unbe­que­me Schü­ler so schnel­ler los­wer­den) – war­um stel­le ich die­se Ver­mu­tung auf?
    Der T-Raum Besuch ist ver­knüpft wur­den mit die­sem § – 5. Besuch (Besu­che wer­den auch nach Schul­jah­res­wech­sel nicht gelöscht) 1 Woche gemein­nüt­zi­ge Arbeit in der Schu­le, 6. T-Raum Besuch Ver­weis, wg. Mehr­fach nega­ti­vem Auf­fal­len, 7. T-Raum Besuch – Sus­pen­die­rung von der Schu­le …. Was nun als nächs­tes bevor­steht brau­che ich nicht zu erwäh­nen und an die­sem Punkt steht mein Sohn, kurz vor Ende der 8. Klas­se – muss also nun 2 Jah­re ohne jeg­li­che Vor­komm­nis­se in der schu­le durch­hal­ten, damit er nicht fliegt!!!
    Mein Sohn ist hier kein Ein­zel­fall, wobei es wit­zi­ger oder trau­ri­ger Wei­se auch Fäl­le gibt wo bereits mehr als 10 T-Raum Besu­che waren und eigent­lich nichts pas­siert ist, außer mal ein Eltern­ge­spräch.
    Ein wei­te­rer Punkt ist, dass nicht alle Leh­rer glei­cher­ma­ßen agie­ren, son­dern eher nur ein sehr gerin­ger Anteil.
    Des Wei­te­ren wer­den z.Bsp. bei mänl. Kol­le­gen, Mäd­chen bei Stö­run­gen nur mal für 5 Minu­ten vor die Tür geschickt und dür­fen dann wie­der am Unter­richt teil­neh­men, wobei Jungs für die gesam­te Stun­de aus Unter­richt in den T-Raum geschickt wer­den.

    Für mich hat die­ses Pro­jekt viel­leicht Ansatz­wei­se einen guten Grund­ge­dan­ken, nur wird hier mei­nes Erach­tens zu viel im eige­nen Ermes­sen Regie geführt und teil­wei­se Will­kür­lich gehan­delt.

    Mit freund­li­chen Grü­ßen
    Eine ent­täusch­te und teils rat­lo­se Mut­ter

    • Bernd

      Also für Kau­gum­mi und Zuspät kom­men soll­te nicht der Trai­nings­raum beläs­tigt wer­den. Bes­ten­falls im mehr­fa­chen Wie­der­ho­lungs­fal­le. Für Kau­gum­mi kau­en kann man doch schon Hof­dienst machen las­sen und fürs Zuspät kom­men haben wir eine Pünk­lich­keits­lis­te, in die sich die Schü­ler eine Woche (oder län­ger) ein­tra­gen müs­sen. Bei­des setzt vor­aus, das die Schü­ler wis­sen, war­um es die­se Regeln (mit oder ohne Klas­sen­ver­trag ;-)) gibt und war­um die jewei­li­ge Maß­nah­me folgt.

      • Sunshine

        Nun wie befürch­tet gab es zum Ende der 8. Klas­se die nächs­te Stra­fe, nach einem wei­te­ren T-Raum Besuch – die­ser wur­de wegen kip­peln in der Stun­de ver­an­lasst … Es gab also einen Ver­weis!!!
        Auf­grund die­ses Vor­ge­hens, habe ich ein Gespräch mit Schul­lei­tung und Haupt­fach­leh­rern ver­langt … mit eini­gen Leh­rern tele­fo­niert und mir mal ein wenig Luft ver­schafft.
        Nach wie vor fin­de ich es sehr trau­rig, dass man eigent­lich kei­ne Mög­lich­keit hat dage­gen anzu­ge­hen – da auch vom Schul­amt nur die Info kommt, dass dies in der Ent­schei­dungs­ge­walt der ein­zel­nen Schu­len liegt.
        Die trau­ri­ge Wahr­heit ist: wir erzie­hen Duck­mäu­ser die ein­ge­schüch­tert und von Tag zu Tag weni­ger moti­viert zur Schu­le gehen, sich nichts mehr erlau­ben dür­fen um nicht von der Schu­le zu flie­gen!
        Trotz­al­lem wün­sche ich allen Lesern hier eine schö­ne Vor­weih­nacht­li­che Zeit!!!

  4. Frank

    Ich fra­ge mich, ob die­ses „Kon­zept“ nicht vor allem dazu führt, dass aus leb­haf­ten und kri­ti­schen Schü­le­rIn­nen Duck­mäu­ser wer­den, die aus Angst vor dem „aus­ge­schlos­sen wer­den als Sank­ti­on“ inner­lich abschal­ten. Statt zu den­ken, im Unter­richt the­men­be­zo­gen zu kom­mu­ni­zie­ren und zu dis­ku­tie­ren, zie­hen sie es vor, um jeden Preis unauf­fäl­lig zu blei­ben und hal­ten lie­ber ein­mal mehr den Mund als zur fal­schen Zeit zu reden. Wo ist der posi­ti­ve Anreiz für die Schü­le­rIn­nen bei die­sem Instru­ment, dass vor allem die Lehr­kräf­te von moti­va­tio­na­ler Arbeit ent­las­tet und jeden Erklä­rungs­an­satz im Keim erstickt?

    Für Schü­ler steht die Ruhe im Unter­richt (lei­der) nicht an ers­ter Stel­le, son­dern eher der Spaß am Ler­nen und mit­ein­an­der. Was nicht mal bei 17–18-Jährigen Gym­na­si­as­ten wirk­lich funk­tio­niert, näm­lich unge­stört unter­rich­ten zu kön­nen, das wird von 9–14-Jährigen auf die­se Art vor allem erzwun­gen, aber mehr auch nicht. Es wird eigen­ver­ant­wort­li­ches Han­deln ver­langt, wohl­wis­send, dass dies nicht mal in unse­rer, der Gesell­schaft der Erwach­se­nen funk­tio­niert. Erwar­ten wir nicht zuviel von unse­ren Kin­dern?

    Funk­tio­niert Unter­richt wirk­lich nur noch durch Sank­tio­nen und Abschie­ben? Abschie­ben, statt für den Stoff/Unterricht zu begeis­tern, scheint mir hier tat­säch­lich die Devi­se zu sein. Natür­lich muss eine Lehr­kraft auch sehen, wie sie den Stoff mög­lichst stö­rungs­frei ver­mit­telt bekommt. Aber ist es nicht so, dass das eben auch die Qua­li­tät einer Lehr­kraft aus­macht, dass sie auch ohne sol­che zwei­fel­haf­ten Sank­tio­nen im Hin­ter­grund schafft, Kin­der zu begeis­tern und zur kon­zen­trier­ten Mit­ar­beit zu bewe­gen?

    Geht es wirk­lich nur um das Recht eines Schü­lers auf unge­stör­ten Unter­richt oder nicht doch vor allem um Ruhe für die Lehr­kräf­te, die durch enge Vor­ga­ben der Minis­te­ri­en vor allem den Stoff im klau­sur­rele­van­ten Umfang durch­pau­ken müs­sen?

    Statt Ursa­chen­for­schung bei wie­der­hol­tem „Stö­ren“ zu betrei­ben, wird die Ver­ant­wor­tung dafür ein­sei­tig auf Schü­ler und Eltern ver­la­gert. Im bes­ten Fall schafft das Kon­zept ange­pass­te, unkri­ti­sche Schwei­ger, die gelernt haben, dass man den Mund zu hal­ten und zu funk­tio­nie­ren hat, will man nicht in letz­ter Kon­se­quenz aus der Schu­le ent­fernt wer­den. So wer­den aus auf­ge­weck­ten und sicher auch oft anstren­gend leb­haf­ten Schü­lern durch die ein­ge­bau­ten Eska­la­ti­ons­stu­fen des Trai­nings­raum-Kon­zep­tes zwangs­läu­fig „auf­fäl­li­ge Stö­rer“ und „Pro­blem­fäl­le“ gene­riert. War es wirk­lich das, was man damit errei­chen woll­te?

    Steht das Ziel des Funk­tio­nie­ren-Müs­sens wirk­lich über jedem päd­ago­gi­schen Auf­trag?

  5. Corinna

    Woher habe ich auf die Schnel­le einen Arbeits­auf­trag? Und wie wird das mit den Klas­sen orga­ni­siert? Kann ja nicht sein, dass z.B. im Lauf der Stun­de vier Schü­ler aus ande­ren Klas­sen in einer 5ten auf­tau­chen und immer wie­der den Unter­richt unter­bre­chen.“

    Nor­ma­ler­wei­se fal­len Schü­ler erst ein­mal erheb­lich auf, bevor man sich für ein sol­ches Vor­ge­hen ent­schei­det. Hab ich also sol­che Spe­zia­lis­ten, dann berei­te ich mich dar­auf vor: Ich schaue, wel­che geeig­ne­ten Klas­sen par­al­lel Unter­richt haben, und spre­che dann mit den Kol­le­gen, die in Fra­ge kom­men. Und einen Arbeits­auf­trag sicher­heits­hal­ber dabei zu haben, ist auch kei­ne wirk­li­che Kunst, wenn man auf Schwie­rig­kei­ten ein­ge­stellt ist. Bei uns an der Schu­le klappt die Zusam­men­ar­beit recht gut, aller­dings sind wir mit unse­ren eher harm­lo­sen Land­pflan­zen auch ver­wöhnt, sodass es kei­ne Mas­sen­auf­läu­fe gibt. Schwie­rig wird es natür­lich, wenn ich einen gan­zen Hau­fen Stö­ren­frie­de in einer Klas­se habe, aber es wirkt oft Wun­der, wenn schon einer davon her­aus­ge­zo­gen wird.
    Hat man das ein paar­mal kon­se­quent durch­ge­zo­gen, dann reicht im Fol­gen­den oft ein wis­sen­der Blick und schon ist Ruhe. 🙂

  6. Unse­re Klas­sen­re­geln sind zwar von den Schü­lern mit ihren Paten (3 Zehnt­kläss­le­rin­nen) for­mu­liert, ohne dass Ver­hand­lung nötig war und ohne Unter­schrif­ten. Aber ich neh­me die­se Anre­gung zum Anlass sie nächs­te Woche den Aus­hang in Fra­ge zu stel­len indem wir sie für eini­ge Zeit weg hän­gen oder auf unse­re spe­zi­el­len Bedürf­nis­se umzu­än­dern. Bei mei­nen 5ern haben wir zusätz­lich, nach 2–3 Mona­ten, ohne auf­zu­schrei­ben, ver­ein­bart, „Nein, das möch­te ich nicht“ als ein Signal­spruch zu benut­zen um zwi­schen Spaß-Ärgern und Ernst-Ärgern zu unter­schei­den. Aller­dings ist die­se zen­tra­le Regel so bewusst weil nötig, dass wirs nicht auf­schrei­ben bräuch­ten. Und die andern sind allen klar. Wenn jmd. dage­gen ver­stößt, dann bestimmt nicht, weil er ver­ges­sen hat sie sich an dem Tag anzu­gu­cken .

    Den Trai­nings­raum hab ich auch noch nicht ver­stan­den, obwohl es hier Leu­te mit guten Erfah­run­gen gibt. Ich tei­le Jochens Beden­ken: Wie funk­tio­niert das denn dann?

  7. Es ist wirk­lich heil­sam, sol­che „Schul­me­tho­den“ auf aus­ser­schu­li­sche Umge­bun­gen umzu­le­gen („fürs Leben ler­nen wir“) bzw. für Erwach­se­ne durch­zu­den­ken. Ganz nor­mal klin­gen die­se Metho­den (RED, EVA …) jeden­falls für Schul­frem­de nicht …
    Letzt­lich zei­gen die­se Ver­su­che, wie sehr wir mit unse­rem tra­di­tio­nel­len Latein am Ende sind.

  8. Zu den „Ver­trä­gen“ habe ich auch eher ein zwie­späl­ti­ges Ver­hält­nis. Letzt­lich funk­tio­nie­ren sie nur, wenn Ver­stö­ße kon­se­quent geahn­det wer­den und Sank­tio­nen zur Fol­ge haben. Es hängt also wie immer an den in der Klas­se unter­rich­ten­den Leh­rern – das Ein­for­dern eines fai­ren Umgangs mit­ein­an­der ist ent­schei­dend. Wenn das (aus Faul­heit?) nicht geschieht, dann nützt auch der schöns­te hand­ge­schrie­be­ne Klas­sen­ver­trag nichts.
    Zum Trai­nings­raum: An der Real- und Haupt­schu­le bei uns im Schul­zen­trum hat sich die Ein­rich­tung bewährt und funk­tio­niert vor allem durch das Enga­ge­ment aller Lehr­kräf­te. Wir am Gym­na­si­um haben aus den von Mar­kus geschil­der­ten Kos­ten­grün­den dar­auf ver­zich­tet und einen ande­ren Weg gefun­den, um Stö­ren­frie­de aus dem Unter­richt zu zie­hen: Sie wer­den mit einem Arbeits­auf­trag und einem Lauf­zet­tel in eine ande­re Klas­se geschickt (mög­lichst meh­re­re Klas­sen­stu­fen Unter­schied), wo sie dann den Rest der Stun­de ver­brin­gen. Als Acht­kläss­ler in eine fünf­te Klas­se geschickt zu wer­den, ist nicht beson­ders cool .…

    • > Sie wer­den mit einem Arbeits­auf­trag und einem Lauf­zet­tel in eine ande­re Klas­se geschickt

      Das ist ja ein inter­es­san­tes Ver­fah­ren, habe ich noch nie gehört. Da fra­ge ich mich natür­lich gleich: Woher habe ich auf die Schnel­le einen Arbeits­auf­trag? Und wie wird das mit den Klas­sen orga­ni­siert? Kann ja nicht sein, dass z.B. im Lauf der Stun­de vier Schü­ler aus ande­ren Klas­sen in einer 5ten auf­tau­chen und immer wie­der den Unter­richt unter­bre­chen.

      • Bernd

        Bei uns machen wir das nur in bestimm­ten Klas­sen oder nur mit aus­ge­wähl­ten bera­tungs­re­sis­ten­ten Schü­lern. So dass Häu­fun­gen eher sel­ten sind. Pro­blem ist erher, das vie­le Kol­le­gen unge­plant den Raum welch­sen und die Schü­ler dann wie­der zurück kom­men.
        So schnell einen ARbeits­auf­trag? Sei­te XY aus dem Buch abschrei­ben. Wo ist das Pro­blem?
        Für mich ist das nur eine Not­lö­sung, wenn man kei­nen Trai­nings­raum hat, der wie hier mehr­fach geschil­dert, natür­lich nur funk­tio­niert, wenn alle eine ein­heit­li­che Vor­stel­lung haben und Hand­ha­bung damit prak­ti­zie­ren.
        Und dann noch was zu Klas­sen­ver­trä­gen. Die sind für mich kei­ne Ver­hand­lungs­sa­che, son­dern eher eine Schwer­punkt­set­zung: Das ist uns jetzt als ers­tes beson­ders wich­tig, an die­ser Regel wol­len wir arbei­ten, weil wir (die Mehr­heit) ihren Sinn ver­stan­den haben.

  9. Markus

    Pro­blem beim Trai­nings­raum:

    1. zieht es mas­siv Leh­rer­stun­den aus dem Plan (ca 25 – 30 Stun­den pro Woche)
    2. wird er als „Straf­kam­mer“ zweck­ent­frem­det. Ich ken­ne einen Trai­nings­raum, der wur­de ein­ge­rich­tet, um unauf­merk­sa­me Schü­ler „zum Den­ken zu brin­gen“.
    Schon nach einer Woche war der ers­te Schü­ler wegen wie­der­holt feh­len­der Haus­auf­ga­ben im Raum.
    Eine Woche spä­ter kam der ers­te Schü­ler in den Raum, weil er zwei­mal zu spät zum Unter­richt kam.
    Kurz dar­auf saß ein Schü­ler im Raum, weil er Kau­gum­mi gekaut hat.
    Sicher­lich alles „Ver­feh­lun­gen“, auf die man als Leh­rer ein­ge­hen soll­te. Aber sie kamen in den Regeln zum Trai­nings­raum nicht vor. Kein Pro­blem übri­gens für die Leh­rer. Die Trai­nings­raum­re­geln wur­den ent­spre­chend über­ar­bei­tet.

    Mar­kus

  10. Was mich beson­ders abstößt sind Klas­sen­re­geln, die – oft vor­ge­druckt- in einer Ecke hän­gen mit der Über­schrift: Unse­re Regeln. Völ­li­ger Blöd­sinn, es sind die Vor­dru­cke von Ver­lag XYZ, die nie­mand wirk­lich jucken.
    Ich tei­le o.g. Kri­tik (wenn auch die PDF aus einem Buch stammt, das wirk­lich gute Anre­gun­gen und Spie­le beinhal­tet) und mache es so: In der Ein­gangs­klas­se neh­me ich mir (echt) Zeit über Ver­hal­ten und Regeln zu dis­ku­tie­ren – Lions Quest hat hier teil­wei­se ganz net­te Ide­en, auch Aktio­nen wie Höf­lich­keit macht Schu­le usw haben gute Anre­gun­gen. Unter­schrei­ben muss kei­ner, davon wirds mei­ner Erfah­rung auch nicht bes­ser. In den obe­ren Klas­sen geht es ganz schnell, die ken­nen mei­ne Vor­lie­ben und dar­über wird nicht dis­ku­tiert. Auf das Ein­se­hen der Schü­ler kann ich nun wirk­lich nicht war­ten, da muss man eben manch­mal nachhelfen…und da soll­ten die Schü­ler wis­sen, was eben wie von mir nicht „akzep­tiert“ wird.

  11. > Zum zwei­ten sind dann gera­de die Regeln, die von den Schü­lern selbst genannt wer­den auch von ihnen akzep­tiert.

    Nun ja, da stellt sich die Fra­ge, was „akzep­tie­ren“ genau meint. Natür­lich „akzep­tiert“ jeder, dass alle das Recht auf unge­stör­ten Unter­richt haben. Nur heißt das eben lei­der nicht, dass sich auch alle dar­an hal­ten. So wie eben auch jeder Leh­rer „akzep­tiert“, dass in Kon­fe­ren­zen eigent­lich nicht …

  12. Christian

    Also mei­ner Mei­nung nach ist die Idee so schlecht nun auch wie­der nicht. Mei­ne Erfah­run­gen zei­gen, dass die Schü­ler ganz ver­nünf­ti­ge Regeln auf­stel­len da sie gene­rell auch wis­sen, wie es lau­fen soll­te und was im Unter­richt nicht getan wer­den soll­te. Zum zwei­ten sind dann gera­de die Regeln, die von den Schü­lern selbst genannt wer­den auch von ihnen akzep­tiert. Zum drit­ten soll es ja nicht dar­um gehen ALLES aus­zu­han­deln. Man kann als Lehr­kraft ja durch­aus sagen, wel­che Regeln einem sel­ber sehr wich­tig sind und war­um. Die­se soll­ten dann auf jeden Fall auch auf den Ver­trag. Und Regeln, die von den Schü­lern rigo­ros abge­lehnt wer­den, haben es sicher­lich nötig, hin­ter­fragt zu wer­den. Und es ist sicher­lich ein fal­sches Ver­ständ­nis die­ser Metho­de, wenn es um eine Art feil­schen gehen soll. DAs ist nicht der Sinn. Viel­mehr sol­len die Schü­ler sich noch ein­mal expli­zit Gedan­ken dar­über machen, wel­che Ver­hal­tens­wei­sen nötig sind, damit ein geord­ne­ter und ertrag­rei­cher Unter­richt statt­fin­den kann. Dazu sind sie, auch wenn sie sich nicht immer dar­an hal­ten, durch­aus in der Lage. Sich im Nach­hin­ein bei Nicht­ge­fal­len aus dem Vetrag raus­zu­strei­chen führt das alles natür­lich ad absur­dum.
    Und ein Trai­nigs­raum mag ja an einem Gym­na­si­um über­flüs­sig sein, an einer HAupt- oder (wie in mei­nem Fall) einer beruf­bil­den­den Schu­le macht es durch­aus Sinn. Empi­ri­sche Erfah­run­gen zei­gen ja auch die Erfol­ge die­ser Metho­de. Schwie­rig­kei­ten ent­ste­hen ja zumeist nicht aus der Metho­de, son­dern aus der man­gel­haf­ten Umset­zung. So sieht das theo­re­ti­sche Kon­zept in der Tat nach drei Besu­chen ein ers­tes Eltern­ge­spräch, nach wei­te­ren drei ein zwei­tes Eltern­ge­spräch und nach dem 9. Besuch eine Klas­sen­kon­fe­renz vor. Wenn das so durch­ge­zo­gen wird, wer­den der­ar­ti­ge Wett­be­wer­be sicher­lich nicht ent­ste­hen.

  13. Claudia Boerger

    Mei­ne Kri­tik geht in die glei­che Rich­tung wie die dei­ni­ge, Jochen. Was mich an die­sen Ver­tra­e­gen gelin­de gesagt ver­wun­dert (wes­we­gen ich sie auch ableh­ne) ist die Tat­sa­che, dass Selbst­ver­sta­end­lich­kei­ten mensch­li­chen Umgangs anschei­nend neu erar­bei­tet wer­den mues­sen als sei­en sie etwas ganz Beson­de­res, Klas­sen­spe­zi­fi­sches. Was ich da manch­mal an „Weis­hei­ten“ an Klas­sen­wa­en­den sehe („Wir schla­gen und beschimp­fen uns nicht“) soll­te doch zum erwart­ba­ren Grund­la­gen­re­per­toire auch bereits des kind­li­chen Anstan­des gehoe­ren. Die­se Ver­hal­tens­re­geln als ver­han­del­bar und damit also durch­aus ablehn­bar zu cha­rak­te­ri­sie­ren sezt mei­ner Mei­nung nach voll­kom­men fal­sche Signa­le.

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