Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

[Tango] Warum Liebe und Tango nicht immer gut zusammenpassen

Der fol­gen­de Text ist eine Über­set­zung von „Why love and tan­go do not always go well tog­e­ther“ von Vero­ni­ca Tou­ma­no­va.

Wei­te­re Über­set­zun­gen von Vero­ni­cas Tan­go Essays fin­dest du hier.

Vie­le Leu­te glau­ben, dass Tan­go eine Lie­bes­be­zie­hung rich­tig schwie­rig macht. Ich höre oft: „Im Tan­go ist man stän­dig roman­ti­schen Ver­su­chun­gen aus­ge­setzt. Es ist sehr schwie­rig, auf die­se Art eine sta­bi­le Paar­be­zie­hung auf­zu­bau­en.“ Sind Lie­bes­be­zie­hun­gen wirk­lich anders im Tan­go? Und wel­che Rol­le spielt Tan­go eigent­lich bei all dem?

Wenn zwei Men­schen als Paar zum Tan­go kom­men, brin­gen sie ihre gan­ze spe­zi­fi­sche Paar­dy­na­mik mit. Wäh­rend sie zusam­men Tan­go ler­nen, zeigt sich die­se Dyna­mik. Dadurch, dass sie etwas Neu­es zusam­men ler­nen, wird ihre Ver­bin­dung getes­tet, denn sie ler­nen ja nicht nur zusam­men, son­dern in völ­li­ger Abhän­gig­keit von ein­an­der. Wie gut sie ein­an­der zuhö­ren, wie unsi­cher sie sind, wie sehr sie dem ande­ren gefal­len wol­len oder ihn kri­ti­sie­ren, wie­viel Ver­ant­wor­tung sie für ihre eige­nen Gefüh­le über­neh­men: All das hat Ein­fluss dar­auf, wie sie zusam­men Tan­go ler­nen. Der Lern­pro­zess bestimmt nicht die Paar­dy­na­mik, viel­mehr bestimmt die Paar­dy­na­mik den Lern­pro­zess. Kurz gesagt, kann ein Paar es sich sehr leicht oder auch sehr schwer machen.

Frau­en sind zu Beginn oft glück­li­cher, wäh­rend die Män­ner kämp­fen; dann kommt ein Punkt, an dem die Män­ner anfan­gen den Tan­go und die gro­ße Aus­wahl an Part­ne­rin­nen zu genie­ßen, wäh­rend die Frau­en ihre ers­ten Pro­ble­me haben: Ihnen fehlt die Tech­nik und sie wer­den nicht auf­ge­for­dert. Manch­mal kommt ein Part­ner schnel­ler vor­an oder ist ein talen­tier­te­rer Tan­zer und damit kommt der ande­re Part­ner nur schwer zurecht. Es ent­ste­hen Unsi­cher­hei­ten, Eifer­sucht kommt hin­zu.

Tan­go kann eine Bezie­hung erblü­hen las­sen oder er kann der Anfang vom Ende sein. Aber ist das wirk­lich die Schuld des Tan­gos?

Tan­go ist ledig­lich ein Kon­text, in den uns das Leben stellt, damit wir inne­re Kon­flik­te lösen kön­nen. Er exis­tiert, damit wir Freu­de haben, aber auch damit wir uns per­sön­lich wei­ter­ent­wi­ckeln. Tan­go ist die Are­na für unse­re Bezie­hungs­pro­ble­me, aber nur wenn die­se Pro­ble­me bereits dar­auf war­ten an die Ober­flä­che zu kom­men. Das The­ma ist viel­leicht man­geln­des Selbst­ver­trau­en und Tan­go ist der per­fek­te Kon­text um die­ses The­ma sicht­bar zu machen. Wenn du beim Tan­go lei­dest, hat das nichts mit Tan­go zu tun, son­dern nur mit dir. Es gibt kei­ne spe­zi­fi­sche Tan­go-Unsi­cher­heit, es ist die­sel­be Unsi­cher­heit, die du immer in dir trägst, nur spielt sie jetzt mit einem neu­en Spiel­zeug. Den Tan­go dafür ver­ant­wort­lich zu machen, dass du unsi­cher bist, ist wie wenn du Nah­rung dafür ver­ant­wort­lich machst, dass du hung­rig bist. Tan­go bie­tet uns viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten gesün­de­re, wei­se­re und bes­se­re Men­schen zu wer­den, aber wir müs­sen das wol­len und den Weg dort­hin fin­den.

Wenn zwei erfah­re­ne Tan­go­tän­zer sich inein­an­der ver­lie­ben ist es eine etwas ande­re Geschich­te. Jeder von ihnen hat bereits Tan­go­er­fah­rung, hat sei­ne / ihre Lieblingstänzer(in) und hat sei­ne eige­nen „Bewäl­ti­gungs­stra­te­gi­en“ ent­wi­ckelt. Die tän­ze­ri­sche Kom­pa­ti­bi­li­tät kann roman­ti­sche Anzie­hung befeue­ren und roman­ti­sche Anzie­hung kann die tän­ze­ri­sche Kom­pa­ti­bi­li­tät erhö­hen, was sich in der Tat wie roman­ti­sche Anzie­hung anfühlt. Einer mei­ner Schü­ler, der Neu­ro­lo­gie stu­diert, hat mir erzählt, dass das Tan­go-Erleb­nis (Bewe­gung, Berüh­rung, Umar­mung, Gerü­che, Schweiß, inten­si­ves Erle­ben des Augen­blicks) das Gehirn dazu brin­gen kann, zu glau­ben, dass man sich gera­de ver­liebt: Nie­mals enden­de Tan­das, voll­kom­me­nes Ver­schmel­zen mit dem ande­ren, höchs­te Glück­se­lig­keit. Wir alle hat­ten die­ses Gefühl min­des­tens ein­mal in unse­rem Tan­go­le­ben. Und den­noch ver­lie­ben sich nicht alle Part­ner inein­an­der, nur weil sie auf dem Par­kett eine gute Ver­bin­dung haben. Den­noch ver­lie­ben sich die meis­ten Tän­ze­rIn­nen im Tan­go, wäh­rend sie tan­zen.

Wie schaut es mit lang­fris­ti­gen Bezie­hun­gen aus, ist es schwie­ri­ger sie im Tan­go auf­zu­bau­en? Ehr­lich gesagt, kann ich kei­nen Grund sehen, war­um das im Tan­go schwie­ri­ger sein soll­te als irgend­wo sonst. Eine soli­de Lang­zeit­be­zie­hung auf­zu­bau­en IST SCHWIERIG, Punkt. Ich ken­ne Paa­re, die das schaf­fen und ande­re, die es nicht hin­krie­gen. Es gibt jedoch einen wich­ti­gen Fak­tor. Wenn dein haupt­säch­li­ches und ein­zi­ges gemein­sa­me Inter­es­se Tan­go ist, WIRD es schwie­rig sein eine Lang­zeit­be­zie­hung auf­zu­bau­en. Denn damit eine Bezie­hung funk­tio­niert, brauch man ande­re gemein­sa­me Inter­es­sen, einen gemein­sa­men Hin­ter­grund, eine star­ke Freund­schaft, etwas, wor­über man reden kann, kom­pa­ti­ble Tem­pe­ra­men­te, kom­pa­ti­ble Sexua­li­tät usw. Egal wie inten­siv die Gefüh­le beim Tan­go sind, es ist letz­ten Endes doch nur ein Tanz. Vie­le Tan­go-Bezie­hun­gen über­le­ben nicht, weil sie außer dem Tan­go nicht viel haben, was sie am Leben hal­ten könn­te.

Wenn wir eine Bezie­hung begin­nen, haben wir oft das Gefühl, dass wir unse­rem Part­ner irgend­wie etwas schul­den und dass wir ein Recht dar­auf haben, dass der Part­ner unse­re Bedürf­nis­se befrie­digt. Tan­go wird eines die­ser Bedürf­nis­se und wir neh­men es per­sön­lich, wenn die­ses Bedürf­nis nicht befrie­digt wird. Wir wer­den unse­rem Part­ner gegen­über nach­tra­gend und hegen Erwar­tun­gen, die wir sonst gar nicht hät­ten. Mit ande­ren Tän­zern­In­nen sind wir für neue Erfah­run­gen offen: Wenn es schlecht war, ver­ges­sen wir es ger­ne, wenn es gut war, erin­nern wir uns ger­ne dar­an. Von unse­rem Lebens­part­ner erwar­ten wir oft nur das BESTE und zwar jetzt sofort und genau­so wie wir es haben wol­len! Wir ver­ges­sen das Gute, aber wir erin­nern uns ganz bestimmt an das Schlech­tes­te!

Die Wahr­heit ist, dein Part­ner muss nicht dein(e) Lieblingstänzer(in) sein und umge­kehrt auch nicht. Die­se Erwar­tung übt nur unnö­ti­gen Druck auf euch bei­de aus. Mögt ihr bei­de genau das­sel­be Essen? Genau die­sel­ben Bücher? Genau die­sel­ben Fil­me? Wenn es mit euch beim Tan­go nicht fun­kio­niert, seid ihr viel­leicht im Leben kom­pa­ti­bel, aber nicht beim Tan­go. Was ist am Ende wich­ti­ger? Es ist nicht immer eine rea­lis­ti­sche Erwar­tung, dass der Part­ner alles für einen im Leben sein soll (dein bes­ter Lieb­ha­ber, dein bes­ter Freund und dein bes­ter Tän­zer). Es passt gut zu vie­len Tan­go­tex­ten, aber wir wis­sen alle, dass die Lieb­ha­ber in Tan­go­tex­ten nicht die bes­ten sind, sie sind ledig­lich die unbe­stän­digs­ten. Es kann natür­lich pas­sie­ren, dass dein(e) Liebespartner(in) gleich­zei­tig dein(e) Lieblingstänzer(in) ist, in die­sem Fall genie­ße es in vol­len Zügen. Aber wenn das nicht pas­siert, tu das, was du auch mit ande­ren Leu­ten machst: Sei offen für jede neue Erfah­rung. Ver­giss es, wenn etwas nicht funk­tio­niert, erin­ne­re dich dar­an, wenn es funk­tio­niert. Nimm’s leicht. Es ist nur ein Tanz. Es gibt immer wie­der eine neue Tan­da.

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  1. Manfred Kruska

    Du hast das sehr gut getrof­fen so sehe ich das auch

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