Der folgende Text ist eine Übersetzung von „Why love and tango do not always go well together“ von Veronica Toumanova.

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Viele Leute glauben, dass Tango eine Liebesbeziehung richtig schwierig macht. Ich höre oft: „Im Tango ist man ständig romantischen Versuchungen ausgesetzt. Es ist sehr schwierig, auf diese Art eine stabile Paarbeziehung aufzubauen.“ Sind Liebesbeziehungen wirklich anders im Tango? Und welche Rolle spielt Tango eigentlich bei all dem?

Wenn zwei Menschen als Paar zum Tango kommen, bringen sie ihre ganze spezifische Paardynamik mit. Während sie zusammen Tango lernen, zeigt sich diese Dynamik. Dadurch, dass sie etwas Neues zusammen lernen, wird ihre Verbindung getestet, denn sie lernen ja nicht nur zusammen, sondern in völliger Abhängigkeit von einander. Wie gut sie einander zuhören, wie unsicher sie sind, wie sehr sie dem anderen gefallen wollen oder ihn kritisieren, wieviel Verantwortung sie für ihre eigenen Gefühle übernehmen: All das hat Einfluss darauf, wie sie zusammen Tango lernen. Der Lernprozess bestimmt nicht die Paardynamik, vielmehr bestimmt die Paardynamik den Lernprozess. Kurz gesagt, kann ein Paar es sich sehr leicht oder auch sehr schwer machen.

Frauen sind zu Beginn oft glücklicher, während die Männer kämpfen; dann kommt ein Punkt, an dem die Männer anfangen den Tango und die große Auswahl an Partnerinnen zu genießen, während die Frauen ihre ersten Probleme haben: Ihnen fehlt die Technik und sie werden nicht aufgefordert. Manchmal kommt ein Partner schneller voran oder ist ein talentierterer Tanzer und damit kommt der andere Partner nur schwer zurecht. Es entstehen Unsicherheiten, Eifersucht kommt hinzu.

Tango kann eine Beziehung erblühen lassen oder er kann der Anfang vom Ende sein. Aber ist das wirklich die Schuld des Tangos?

Tango ist lediglich ein Kontext, in den uns das Leben stellt, damit wir innere Konflikte lösen können. Er existiert, damit wir Freude haben, aber auch damit wir uns persönlich weiterentwickeln. Tango ist die Arena für unsere Beziehungsprobleme, aber nur wenn diese Probleme bereits darauf warten an die Oberfläche zu kommen. Das Thema ist vielleicht mangelndes Selbstvertrauen und Tango ist der perfekte Kontext um dieses Thema sichtbar zu machen. Wenn du beim Tango leidest, hat das nichts mit Tango zu tun, sondern nur mit dir. Es gibt keine spezifische Tango-Unsicherheit, es ist dieselbe Unsicherheit, die du immer in dir trägst, nur spielt sie jetzt mit einem neuen Spielzeug. Den Tango dafür verantwortlich zu machen, dass du unsicher bist, ist wie wenn du Nahrung dafür verantwortlich machst, dass du hungrig bist. Tango bietet uns vielfältige Möglichkeiten gesündere, weisere und bessere Menschen zu werden, aber wir müssen das wollen und den Weg dorthin finden.

Wenn zwei erfahrene Tangotänzer sich ineinander verlieben ist es eine etwas andere Geschichte. Jeder von ihnen hat bereits Tangoerfahrung, hat seine / ihre Lieblingstänzer(in) und hat seine eigenen „Bewältigungsstrategien“ entwickelt. Die tänzerische Kompatibilität kann romantische Anziehung befeueren und romantische Anziehung kann die tänzerische Kompatibilität erhöhen, was sich in der Tat wie romantische Anziehung anfühlt. Einer meiner Schüler, der Neurologie studiert, hat mir erzählt, dass das Tango-Erlebnis (Bewegung, Berührung, Umarmung, Gerüche, Schweiß, intensives Erleben des Augenblicks) das Gehirn dazu bringen kann, zu glauben, dass man sich gerade verliebt: Niemals endende Tandas, vollkommenes Verschmelzen mit dem anderen, höchste Glückseligkeit. Wir alle hatten dieses Gefühl mindestens einmal in unserem Tangoleben. Und dennoch verlieben sich nicht alle Partner ineinander, nur weil sie auf dem Parkett eine gute Verbindung haben. Dennoch verlieben sich die meisten TänzerInnen im Tango, während sie tanzen.

Wie schaut es mit langfristigen Beziehungen aus, ist es schwieriger sie im Tango aufzubauen? Ehrlich gesagt, kann ich keinen Grund sehen, warum das im Tango schwieriger sein sollte als irgendwo sonst. Eine solide Langzeitbeziehung aufzubauen IST SCHWIERIG, Punkt. Ich kenne Paare, die das schaffen und andere, die es nicht hinkriegen. Es gibt jedoch einen wichtigen Faktor. Wenn dein hauptsächliches und einziges gemeinsame Interesse Tango ist, WIRD es schwierig sein eine Langzeitbeziehung aufzubauen. Denn damit eine Beziehung funktioniert, brauch man andere gemeinsame Interessen, einen gemeinsamen Hintergrund, eine starke Freundschaft, etwas, worüber man reden kann, kompatible Temperamente, kompatible Sexualität usw. Egal wie intensiv die Gefühle beim Tango sind, es ist letzten Endes doch nur ein Tanz. Viele Tango-Beziehungen überleben nicht, weil sie außer dem Tango nicht viel haben, was sie am Leben halten könnte.

Wenn wir eine Beziehung beginnen, haben wir oft das Gefühl, dass wir unserem Partner irgendwie etwas schulden und dass wir ein Recht darauf haben, dass der Partner unsere Bedürfnisse befriedigt. Tango wird eines dieser Bedürfnisse und wir nehmen es persönlich, wenn dieses Bedürfnis nicht befriedigt wird. Wir werden unserem Partner gegenüber nachtragend und hegen Erwartungen, die wir sonst gar nicht hätten. Mit anderen TänzernInnen sind wir für neue Erfahrungen offen: Wenn es schlecht war, vergessen wir es gerne, wenn es gut war, erinnern wir uns gerne daran. Von unserem Lebenspartner erwarten wir oft nur das BESTE und zwar jetzt sofort und genauso wie wir es haben wollen! Wir vergessen das Gute, aber wir erinnern uns ganz bestimmt an das Schlechteste!

Die Wahrheit ist, dein Partner muss nicht dein(e) Lieblingstänzer(in) sein und umgekehrt auch nicht. Diese Erwartung übt nur unnötigen Druck auf euch beide aus. Mögt ihr beide genau dasselbe Essen? Genau dieselben Bücher? Genau dieselben Filme? Wenn es mit euch beim Tango nicht funkioniert, seid ihr vielleicht im Leben kompatibel, aber nicht beim Tango. Was ist am Ende wichtiger? Es ist nicht immer eine realistische Erwartung, dass der Partner alles für einen im Leben sein soll (dein bester Liebhaber, dein bester Freund und dein bester Tänzer). Es passt gut zu vielen Tangotexten, aber wir wissen alle, dass die Liebhaber in Tangotexten nicht die besten sind, sie sind lediglich die unbeständigsten. Es kann natürlich passieren, dass dein(e) Liebespartner(in) gleichzeitig dein(e) Lieblingstänzer(in) ist, in diesem Fall genieße es in vollen Zügen. Aber wenn das nicht passiert, tu das, was du auch mit anderen Leuten machst: Sei offen für jede neue Erfahrung. Vergiss es, wenn etwas nicht funktioniert, erinnere dich daran, wenn es funktioniert. Nimm’s leicht. Es ist nur ein Tanz. Es gibt immer wieder eine neue Tanda.